Meinung : Kantine Sehnsucht

Von Roger Boyes, The Times

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George Bush senior, man erinnert sich, festigte die Beziehungen zwischen Washington und Tokio, indem er dem japanischen Premierminister auf den Schoß kotzte. Kein Wunder, dass George junior seinen eigenen Koch nach Mainz mitbrachte, der dann neben Johann Lafer arbeitete. Der Kanzler aß das Essen auf, ohne seine Hose in die Reinigung bringen zu müssen, und das ist wahrscheinlich das Beste, was wir jemals über die deutschamerikanische Freundschaft werden sagen können. Dennoch, das Essen war gut: Eifellamm und ein „Dialog von Zander und Flusskrebsen“ (ich mag den Gedanken, dass Schröder in dieser Konversation der Flusskrebs war).

Deutsche Politiker essen nur dann wirklich gut, wenn jemand zu Besuch kommt. Normalerweise besteht ihr Mittagessen aus einem Käsebrötchen und einem hart gekochten Ei. Oder sie essen in der Kantine von Michael Käfer im Reichstag, deren Qualität stark nachlässt. Der Salat kräuselt sich, als wolle er sich verstecken. Jetzt ist es dort nur ein klein wenig besser als in der Kantine im Bonner Bundestag, die ihrerseits nur ein klein wenig besser war als das Dschungelcamp.

Politiker mit Nebenverdiensten gehen natürlich ins Borchardt. Einige ehrgeizige junge Politiker wurden sogar im Flugzeug nach Salzburg gesichtet (40 Minuten von Tegel und einigermaßen billig), um dort im neuen, angesagten Hangar Sieben zu essen. Aber das sind die Ausnahmen, Schreibtischstullen sind die Norm. Deutsche Politiker werden immer blasser und fetter. Und das, obwohl keine Regierung je so besessen war von gesunder Ernährung. Renate Künast, die gerade ihren Bio-Koch-Berater rausgeworfen hat, hat dem Fast Food den Krieg erklärt. Deutschlands fette Kinder abmagern zu lassen ist zum neuen rot-grünen Projekt geworden, dass sich aus den üblichen Zutaten zusammensetzt: Ein Löffel Ideologie, eine Prise Dogma, gemischt mit ein wenig Menschenverstand. Künast sollte ehrgeiziger sein. Ich bin schon lange der Meinung, dass deutsche Kinder einen kostenlosen Apfel pro Tag bekommen müssten und das jede Schulklasse einen Bauernhof besuchen sollte, um die Herkunft der Lebensmittel zu begreifen. Der britische Koch Jamie Oliver wurde dafür angestellt, gesunde und billige Menüs für britische Schulen zu entwerfen; ein anderer Starkoch, Gordon Ramsey, gibt Ratschläge, wie man für Gefängnisinsassen und Polizisten kochen sollte. Wäre das kein Modell für Deutschland?

Wenn Künast wirklich eine Ernährungsrevolution in Deutschland starten will, dann sollte sie auch ernsthafter über die 800 000 jungen Menschen mit Essstörungen nachdenken. Eine Furcht erregend hohe Zahl davon sind junge Schulmädchen. Ich kann weder bei Künast noch im Familienministerium von Ulla Schmidt einen Plan finden, der sich mit dieser Epidemie auseinander setzt. Vielleicht sollten beide Ministerinnen dem neuen Restaurant für Magersüchtige, „Sehnsucht“, in der Dortmunder Straße einen Besuch abstatten. Es wird von Katja Eichbaum, einer ehemaligen Magersüchtigen, geleitet. Ihr Koch leidet unter Bulimie und es ist das erste Restaurant der Welt, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Essen für essgestörte Menschen wieder zu einer Freude zu machen. Katja Eichbaum öffnet nebenan gerade ein Therapiezentrum. Sie wird Mädchen zum Lebensmittel-Einkaufsbummel in den Supermarkt mitnehmen und ihnen beibringen, mit Genuss zu kochen und zu essen. Sie tut das ohne Finanzhilfe oder Unterstützung der Regierung. Das Essen ist hervorragend, vergleichbar mit Berlins Schickimicki-Restaurants, die Portionen sind vernünftig, die Atmosphäre warmherzig. Es handelt sich um ein unprätentiöses Lokal, dass auch normalen Kunden offen steht und die rot-grüne Botschaft verkörpert: Gesundes Essen ist intelligentes, bewusstes Essen. Wenn Deutschland eine kulinarische Revolution erleben soll, dann sollten die Politiker sich vom Kabinettstisch in die Küche begeben und Köche, nicht Kellner werden. Sehnsucht – der perfekte Name für eine Politikerkantine.

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