Kanzlerin verfolgt : Der Stalker als Friedensbote

Ein Mann dringt unbemerkt von der Polizei auf das Privatgrundstück der Kanzlerin vor. Der Mann hatte einen Friedensplan für den Nahen Osten ausgearbeitet. Henryk M. Broder über einen Mann, der sich nicht als Stalker versteht, sondern als Bote des Friedens.

Henryk M. Broder
Gut bewacht? Offenbar nicht immer: Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Gut bewacht? Offenbar nicht immer: Bundeskanzlerin Angela Merkel.Foto: dpa

Dass ein Mann das Privatgrundstück der Kanzlerin betreten und wieder verlassen kann, ohne von der Polizei aufgehalten zu werden, spricht nicht unbedingt für die Polizei, dafür aber für den Entwicklungsstand unserer Zivilgesellschaft. Verglichen mit der Bundesrepublik von heute war die alte Bundesrepublik ein Polizeistaat. Wer sich damals den Polizeikohorten in den Weg stellte, riskierte weit mehr als die Begegnung mit einem Wasserwerfer. Heute schickt die Polizei „Anti-KonfliktTeams“ ins Feld. Ihre Aufgabe ist es, „Konflikte zu verhindern oder zu mindern, zwischen widerstreitenden Parteien zu vermitteln und Gewaltrituale zu durchbrechen; an die Stelle von polizeilichen Zwangsmaßnahmen soll der Dialog treten“, so jedenfalls heißt es auf der Homepage des Berliner Polizeipräsidenten.

Das wollte auch der Mann, der plötzlich in Angela Merkels Garten stand – mit der Kanzlerin in einen Dialog treten. Nicht über das Ende von Multikulti, eine Reform der Krankenversicherung oder eine Erhöhung der Tabaksteuer. Für Peanuts solcher Art sind die jeweiligen Minister da. Nein, der Mann hatte einen Friedensplan für den Nahen Osten ausgearbeitet, den er unterbreiten wollte. Deswegen versteht er sich nicht als Stalker, der die Privatsphäre anderer Menschen verletzt, sondern als Friedensaktivist, der den gefährlichsten aller Brandherde löschen möchte.

Foto: picture alliance / dpa

Sollte sich die Sache tatsächlich so abgespielt haben und der Mann vor Gericht kommen, kann er mit mildernden Umständen rechnen. Denn die Sorge um den Frieden im Nahen Osten und die Angst vor einem Weltkrieg, der diesmal nicht in Sarajewo sondern in Ramallah ausbrechen könnte, gehören zu den beliebtesten Passionen der Deutschen. Es vergeht kaum eine Woche, da nicht irgendwo zwischen dem Kandertal im Schwarzwald und Sötenich in der Eifel eine Tagung darüber stattfinden würde, wie man den Nahen Osten befrieden könnte. Die Einladungen zu solchen Events fangen meistens mit den Worten an: „Gerade wir als Deutsche …“

Vor kurzem fand ein Wochenendseminar der Evangelischen Stadtakademie Aachen statt, auf dem der Untergang Israels in spätestens 15 Jahren vorhergesagt wurde. Eine Prognose, die eher auf das benachbarte Belgien zutreffen könnte. Nur dass es den Bundesbürgern egal ist, ob und wann Belgien untergeht, während sie sich für Israel verantwortlich und zuständig fühlen. In ihrer Eigenschaft als Friedensfreunde, Stalker und Deutsche.

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