Meinung : Kanzlerkandidat der Union: Die Schwester will es wissen

War die Kandidatin am späten Montagabend vielleicht zu stark im Fernsehen, als sie bei Beckmann erneut ihren Anspruch auf eine Kandidatur als Kanzlerkandidatin herausstellte, selbstgewiss wie nie zuvor? Hatte sich spätestens da für ihre Widersacher der Eindruck zur Gewissheit verfestigt, dass nichts und niemand Angela Merkel zu einem freiwilligen Verzicht bringen werde?

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Keiner weiß so recht, was der Unionsschwester CSU in Kreuth den letzten Anlass gab, zum brachialsten Mittel zu greifen, was im Nervenkrieg der Kandidaten gegenwärtig eingesetzt werden kann - eine Art offizielle Bitte an die CDU, einem gemeinsamen Kandidaten Stoiber zuzustimmen. Unsicher ist sogar, ob CSU-Landesgruppenchef Michael Glos wirklich vorhatte, sein Begehren in dieser folgenreichen Form zu lancieren, oder ob es der Zuspitzung einer Nachrichtenagentur zuzuschreiben ist. Aber alles das spielt keine entscheidende Rolle mehr. Kaum einer in der Union scheint mehr den Willen oder die Kraft zu haben, die Nachricht glaubhaft zu dementieren - denn sie nimmt allenfalls vorweg, was nicht mehr aufzuhalten ist. Wirklich entscheidend ist jetzt eine andere Frage: Ist Angela Merkel damit am Ende ihrer persönlichen Ambitionen?

Eigentlich dürfte sich die große CDU den Vorstoß der CSU gar nicht gefallen lassen. Sie müsste die Bitte kühl zur Kenntnis nehmen und erklären, dass man sich von der kleinen Schwester ungern etwas vorschreiben lasse und im Übrigen selbst über eine hervorragende Kandidatin verfüge. Die gesamte CDU müsste sich trotz aller vorangegangenen Querelen besonders herausgefordert fühlen, sich eng um Merkel zu scharen.

Aber genau das geschieht nicht. Der Fraktionschef der CDU/CSU, Friedrich Merz, erklärt dieser Zeitung, er begrüße den Vorschlag der CSU. Sollte es tatsächlich ein Kalkül bei den Christsozialen gegeben haben, so hat es Merkel an der empfindlichsten Stelle getroffen: Es gibt in der CDU zur Zeit kein Gremium - weder Vorstand noch Präsidium -, das einer formellen CSU-Erklärung eine ebenso offizielle der CDU zu ihren Gunsten entgegensetzen würde. Dazu hat die Kandidatur Stoibers selbst in der CDU-Spitze zu viele Sympathien.

Deshalb verfolgt Angela Merkel auch die Strategie, die Entscheidung über den Kandidaten unter keinen Umständen einem dieser Gremien zu überlassen. Erhobenen Hauptes will sie - trotz aller zuweilen an Mobbing grenzenden Anfeindungen in der eigenen Partei - die CDU-Klausurtagung von Präsidium und Vorstand am Wochenende in Magdeburg erreichen. Davon erhoffte sie sich die Bestätigung des Mandats, allein mit Stoiber ausmachen zu können, wer gegen Schröder ins Rennen geht. Würde das klappen, behielte sie in jedem Fall das Heft in der Hand: Sie könnte selbst Stoiber den Vortritt lassen. Sie könnte aber in einer eindrucksvollen Demonstration von Nervenstärke ihrem Widersacher vielleicht doch noch so zusetzen, dass Stoiber verzichtet - wenn er sich keiner Kampfabstimmung stellen wollte.

Genau dieses Restrisiko wollen die Stoiber-Freunde in CDU und CSU ausschalten. Und es erscheint wahrscheinlich, dass Merkel noch in dieser Woche verzichtet. Dann wird es heißen, dass eine machthungrige und zuletzt beratungsresistente Politikerin nicht anders zu stoppen gewesen sei. Eine Verliererin auf der ganzen Linie. Oder sie kommt doch noch bis nach Magdeburg - und ein Stück darüber hinaus. Nicht auszudenken, was es in dem unwahrscheinlichen, aber nicht auszuschließenden Fall heißen würde, wenn Angela Merkels Kalkül am Ende doch aufginge.

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