Meinung : Kanzlerkandidat der Union: Sie hätte eine Zukunft

Stephan-Andreas Casdorff

Eines an dem ganzen Kandidatengerangel ist fast genial: dass es so ernst genommen wird. Als könnte die Union ab September wirklich wieder regieren. Vor einem halben Jahr noch wäre das von allen für völlig unwahrscheinlich gehalten worden.

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Mit ziemlicher Sicherheit lässt sich jetzt schon sagen, was Angela Merkel nicht wird - Bundespräsidentin. Jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Dafür bräuchte die Union die Mehrheit im Bundestag und in der Bundesversammlung, außerdem müsste Merkel als die einzig richtige Kandidatin gelten. Ob es da nicht wahrscheinlicher ist, dass sie Kandidatin für das Kanzleramt wird?

In absehbarer Zeit. Merkel, in dieser Hinsicht massiv wie Helmut Kohl, hat längst nicht aufgegeben. Sie hält an ihrem Anspruch fest - und damit an ihrer letzten Chance. Denn eine öffentliche Bewegung für sich zu inszenieren, nach dem Motto: Warum wir wollen, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin wird, hat sie ja nicht gewollt. Die Gelegenheit dafür ist vorbei. Jetzt will sie es auf das Gespräch mit Edmund Stoiber ankommen lassen.

Merkel müsste, um stark zu sein, die CDU geschlossen hinter sich haben. Dann hätte die Drohung Sinn, dass sie vom Amt der Parteichefin zurücktritt, wenn sie nicht Kanzlerkandidatin wird. Ein solches Debakel würde Stoiber nie verantworten wollen. Die CDU verhält sich allerdings in diesem Nervenkrieg nicht uneingeschränkt solidarisch; zu viele wollen Stoiber, auch wegen seiner Erfahrung als Regierungschef. Stoiber wiederum muss die Kandidatur jetzt nur noch wirklich wollen und im Zweifelsfall den Kampf suchen: mit einer Abstimmung in der gemeinsamen Bundestagsfraktion.

Das alles weiß Merkel. Sie wird die Stimmung testen, am Sonnabend in Magdeburg. Und nebenbei mit aller Macht, die ihr noch zu Gebote steht, demonstrieren, dass sie die ganze Macht anstrebt. Wann auch immer. Denn ob Stoiber in der Kandidatenfrage gewinnt oder nicht - sie, die Endvierzigerin, verliert nichts. Schlimmstenfalls ein paar Jahre. Gewinnt Stoiber die Wahl, wird Merkel auch regieren; im Kabinett, oder indem sie die gemeinsame Fraktion führt, weil Friedrich Merz Finanzminister geworden ist. Unterliegt Stoiber und es kommt zu einer Großen Koalition - wer regiert dann in Berlin mit Schröder? Merkel. Unterliegt Stoiber, die Union bleibt Opposition, könnte sie aber auch regieren: in Sachsen.

Merkel als Ministerpräsidentin? Vor ein paar Wochen wurde das nicht für völlig unwahrscheinlich gehalten. Die CDU-Chefin hätte alle Vorteile aller Konkurrenten wettgemacht, hätte machtpolitisch eine Position wie früher Kohl. Sie müsste dafür nur jetzt verzichten. Eines ist sicher: Der Posten als Regierungschef wird in Sachsen demnächst frei. Kurt Biedenkopf wartet, Georg Milbradt will er verhindern. Nächste Woche will er sich erklären. Ausgerechnet.

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