Meinung : Kanzlerkandidat/in der Union: Stoibers Schwester

Stephan-Andreas Casdorff

Die Herren werden einfach nicht gefragt, wenn Angela Merkel Entscheidungen vorbereitet. Und sich durchsetzt. So wie gerade eben wieder geschehen. De facto sind es seit neuestem nur noch sie und Edmund Stoiber, der Kollege Parteivorsitzende, die darüber entscheiden, wer im nächsten Jahr Kanzlerkandidat/in der Union wird. Da werden sich wieder einige Granden übergangen fühlen ...

Natürlich hat sich Merkel vor dieser öffentlichen Bekanntmachung beraten. Selbstverständlich ist sie nicht allein auf weiter Flur - schon gar nicht, wo es doch um die wichtigste Frage geht, die eine Opposition zu beantworten hat. Man denke nur an die SPD, die sich über Jahre damit schwer tat. Merkel hat es, das muss man ihr lassen, smart gemacht: so ganz nebenbei eine Demonstration der Macht. Darin ist sie stark.

Merkel ist die Chefin - basta. Neben ihr ist in der CDU niemand mehr. Friedrich Merz ist der Fraktionsvorsitzende und darf es bleiben. Jedenfalls bis zur Wahl. Aber als Kanzlerkandidat oder als der, der den Kandidaten maßgeblich mitbestimmt, ist er längst aus dem Rennen. Das sieht jetzt jeder. Warum soll Merkel es da noch sagen. Oder Merz selbst. Denn das ist Merkels nächste Bekanntmachung: Zu diesem Zeitpunkt will sie nicht weiter debattieren, wer 2002 Gerhard Schröder herausfordern wird. Stoiber und sie werden den Führungsgremien gemeinsam einen Vorschlag machen; das ist es im Übrigen auch, was Merkel dem Vorstand gesagt hat. Nicht mehr.

Keine Urwahl also, keine Abstimmung in der Bundestagsfraktion, keine Regionalkonferenzen, nur sie und Stoiber und dann die Gremien, die sich dann aber wohl nicht anders entscheiden werden als diese beiden. Keine Experimente - Merkel weiß, warum sie es tut. Stoiber auch. Das ist nur logisch: Als Vorsitzende von Schwesterparteien müssen sie sich sowieso einig werden. Und wenn sie beide sich einig sind, ist der Rest kein Problem; es sei denn, ein Parteifreund suchte die Kraftprobe. Oder wollte tatsächlich riskieren, die Chancen des Kandidaten durch einen Streit in den eigenen Reihen zu schmälern.

Wenn sich beide nicht einigen würden? Dann benötigen sie Hilfe, die sie bekommen werden, von den Ministerpräsidenten der Länder und vom früheren Parteivorsitzenden Wolfgang Schäuble. Dann müssten sie Verfahren finden, wie der Schaden möglichst gering gehalten werden kann. Man denke an die Union in den siebziger Jahren: Damals zog die Fraktion die Entscheidung an sich, ob der Favorit Helmut Kohls, der Niedersachse Ernst Albrecht, oder CSU-Chef Franz Josef Strauß der Kanzlerkandidat werden solle. Das war aber mitten in der Legislaturperiode und außerdem insgesamt nicht das beste Vorbild. Strauß verlor.

Es wird ohnehin noch schwierig genug werden, selbst nachdem die Vorsitzende mit der Methode Merkel für sich die besten Grundlagen geschaffen hat. So gesehen war Merkels Hinweis auf die Einigung beim Asylrecht dreifach interessant. Durch die vielen Gespräche ist Vertrauen auf beiden Seiten gewachsen, das für die Zukunft auch sehr nötig ist. Zweitens hat der CSU-Chef Stoiber die CDU-Chefin als gleichberechtigt anerkannt, geradezu als gleichrangig. Außerdem ist Stoiber mit dem vorläufigen Verzicht, beim Asyl eine Grundgesetzänderung zu fordern, auf Merkel zugegangen. Das zeigt die Richtung, in die es gehen kann.

Diese Situation muss man sich mal vorstellen: Die beiden sitzen sich gegenüber, schauen sich tief in die Augen - und wer die stärkeren Nerven hat, gewinnt. Die Frage ist nur, ob gewinnen dann heißt, die Kanzlerkandidatur antreten zu dürfen oder nicht antreten zu müssen. Je nachdem, ob die Union überhaupt eine Chance hat. Aber nur zum Vergleich: Was diese beiden meditativ entscheiden müssen - dafür brauchte die SPD mit Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder 1998 ein komplettes niedersächsisches Wahlvolk als Schiedsrichter.

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