Meinung : Karibische Karikatur

Die PDS ist in eine Kubakrise hineingeschlittert, die verräterisch ist

Caroline Fetscher

Heiß geht es her in der PDS, nachgerade tropisch erhitzt. Eine Kubakrise ist ausgebrochen, mitten in den eigenen Reihen. Auf dem Parteitag am Rosenmontag toste die Basis wider drei ihrer Europaabgeordneten. Es war ruchbar geworden, dass die PDS-Europaparlamentarier André Brie, Gabi Zimmer und Helmuth Markov im Europaparlament eine Resolution mitverabschiedeten, die Fidel Castros Inselstaat zur „uneingeschränkten Achtung der Grundfreiheiten und insbesondere der Meinungs- und Versammlungsfreiheit“ auffordert.

Ja nun – für diese Aufforderung gibt es triftige Gründe. In Kuba sitzen allein mehr als dreihundert Bürger in Haft, deren Vergehen die freie Meinungsäußerung war. Amnesty International und Human Rights Watch präsentieren dicke und traurige Kuba-Akten. Mütter, Ehefrauen, Töchter, Schwestern von Inhaftierten protestieren als „Damas de Blanco“: Etwa Laura Pollan Toledo, verheiratet mit dem 63-jährigen Hector Maseda Gutierrez, der 2003 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wurde, da er als Präsident der Liberalen Partei Kubas für freie Wahlen eintrat.

Dass derlei Zustände für Demokraten und Menschenrechtler nicht tolerierbar sind, meinen nicht nur die Europaparlamentarier. Anders denkt offenbar die Mehrheit der PDS. Ihre Partei-Mitglieder sollten sich nicht „dem scheinheiligen Gezeter“ solcher anschließen, „die Kuba wieder der Kapitalherrschaft unterwerfen möchten“, fordert ein „Offener Brief“, den hunderte Genossen unterschrieben, auch Prominente wie Egon Krenz und der Schriftsteller Hermann Kant.

Was ist los in der Partei? Hat sie keine Zeit oder Lust, sich um die Arbeitslosen zu bemühen, oder, wenn es schon Außenpolitik ist, vielleicht geknechteten Brüdern in Nordkorea zu helfen? Nein, sie kämpft um ihre Insel.

Die „Insel der Glückseligen“, weit weg im musikalischen Ozean des Südens, unter Palmen, das ist ein alter, europäischer Topos der Utopie. Davon profitieren Reiseunternehmer, die uns nach Mallorca oder Hawaii locken, Inseln, die für DDR-Bürger nur auf dem Bildschirm des Westfernsehens leuchteten. Ihnen aber blieb Kuba. Dort war alles wie gewohnt: Schlangestehen, Parolen an den Wänden, ein Zaun drum rum.

DDR-Gemütlichkeit – aber eben in warm und auf karibisch, was den Sozialismus zweifellos schöner, Selbstverleugnung wie Unmündigkeit weniger schlimm erscheinen ließ. Kuba, das war das andere der DDR, deren gerade noch erlaubter, real existierender Traum, aus dem die Insel heute wieder auftaucht: als fixiertes, politisches Fossil, irreales Relikt, Delirium aus Projektionen in der Fantasie der Genossen. Da sollten sich klarere Geister wie André Brie vielleicht ein paar Fragen zum Unbewussten ihrer Partei stellen und zu deren politischer Reife.

Inseln sind übrigens auch Symbole der Isolation. Repräsentiert also womöglich die auf dem Papier geläuterte, modernisierte, vorgeblich demokratisierte SED-Nachfolgepartei einen sich selbst zunehmend isolierenden Ort in der politischen Landschaft? Tja, dann hätte jenes virtuelle Kuba der DDR in diesen Köpfen überwintert, ehe es, nach einer Anstandspause, die wir InKUBAtionszeit nennen könnten, wieder ans Licht kam. Wozu? Um eine karibische Karikatur der eigenen Reform zu zeichnen.

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