Meinung : Katerstimmung

Präsident Bush lernt im Nahen Osten die Grenzen seiner Macht kennen

Malte Lehming

Er hat sich verändert. Sein Lächeln ist steifer geworden. Und er wirkt weniger jovial. Manche mögen das Reife nennen. Aber vielleicht ahnt er auch, dass die schönste Zeit im Weißen Haus für ihn zu Ende geht. Eine Korrektur: Schön waren die vergangenen 29 Monate nicht für George W. Bush, sondern sensationell erfolgreich. Zwei Kriege hat er gewonnen, die Steuern gesenkt, den Kongress für seine Partei erobert. Untätigkeit kann diesem US-Präsidenten keiner vorwerfen. Das Image als Anpacker hat er sich verdient.

Doch plötzlich ist die Party aus. Das Oberlicht geht an. Keiner tanzt mehr. In den Ecken türmen sich leere Flaschen. Katerstimmung stellt sich ein. In Afghanistan und dem Irak führt Chaos das Zepter. Auf eine rasche Stabilisierung zu hoffen, wäre naiv. Eher kann sich Washington glücklich schätzen, wenn die Lage nicht eskaliert. Im Falle Irak kommt das Legitimationsdebakel hinzu. Noch immer wurden keine Massenvernichtungswaffen entdeckt. Auf einmal befindet sich Bush, der seit dem 11. September 2001 eine klare Agenda hatte, in der Defensive. Krampfhaft versucht er, von einem Glanz zu zehren, der immer matter wird.

Gewählt wird der nächste US-Präsident erst in anderthalb Jahren. Das ist eine lange Zeit. Sie ist besonders lang für einen Politiker, der nichts mehr vorhat. Vielleicht hat Bush zu früh erreicht, was er wollte. Nun drängen all die Mahner und Warner, die er einst furios an die Wand spielen konnte, zurück in die Öffentlichkeit. Die düstersten Prophezeiungen, wie schwierig etwa der Wiederaufbau des Irak werden würde, scheinen sich zu bestätigen. Sicher, die grandiose US-Armee hat einen Diktator gestürzt. Daraus lässt sich Genugtuung saugen. Aber die Bereitschaft der Amerikaner, nun aufwändig (mit 200 000 Soldaten) und unter Opfern (täglich sterben dort Soldaten) eine Art Demokratie aufzubauen, nimmt rapide ab. Bush hat das Tempo diktiert und gehandelt, dass einem die Luft wegblieb. Hat der ganze Aktionismus wirklich etwas genützt?

Die Krönung des frei ausgelebten amerikanischen Umgestaltungsdranges sollten die Demokratisierung der islamischen Welt und die Wiederbelebung des Friedensprozesses im Nahen Osten sein. Der Weg nach Palästina führt über Bagdad, hieß die Theorie. Als sich Bush, Ariel Scharon und Mahmud Abbas in der vergangenen Woche in Akaba trafen, wurde die neue Dreieinigkeit in US-Medien bereits als „Irak-Kriegs-Dividende“ gefeiert. Spätestens seit dem letzten Selbstmordanschlag in Jerusalem ist klar, dass Bagdad und Palästina weit auseinander liegen. Hamas und Dschihad folgen ihrer eigenen Logik.

Offenkundig wurde ebenfalls, wie begrenzt der Einfluss der Bush-Regierung ist. Zum Frieden zwingen lassen sich weder Scharon noch Abbas. Knapp, hilf- und ratlos kommentierte Bush die jüngste Eskalation. In der Region hört keiner auf ihn. Nur daheim, im Kongress, warnt ihn eine starke Israel-Lobby vor zu viel Druck auf Scharon: Der habe dasselbe uneingeschränkte Recht, gegen Terroristen vorzugehen, wie es Bush nach dem 11. September für sich in Anspruch nahm. Nach dem Motto: Freie Bahn den Aktionisten!

Im Blenden ist die US-Regierung gut. Außerdem verströmt ihr revolutionärer Elan etwas Verführerisches. Ihr Wille zum Wandel steckt an. Doch wenn in den letzten Monaten überhaupt etwas geweckt wurde durch die Außenpolitik der Bush-Regierung, dann ist es nicht Hoffnung, sondern Skepsis. Zerschlagen ist leichter als Zusammenfügen. Die Party ist aus. Amerika wacht langsam auf.

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