Katholische Kirche : Mysterium grüßt Benedikt

Wo aus Glaubenssicht über Kirche als Sakrament - Zeichen der Gegenwart Gottes - geredet wird, erkennen Optimisten die schmerzhafte Schleifung als Chance. Genutzt würde diese, wenn mehr Christen mit und ohne Zölibat ihr Leben als Mystik im Alltag realisieren; wenn Gemeinden ohne Funktionärspräsenz von Engagierten getragen werden, woraus sich Priesterweihen „bewährter Ehemänner“ organisch entwickelten.

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Wer sie sieht, erstarre vor einem „Untier von furchtbarer Ungestalt und Wildheit“ – so zitiert der 40-jährige Joseph Ratzinger das Urteil eines Pariser Bischofs aus dem 13. Jahrhundert über die verwahrloste Braut Christi, die Kirche. „Wenn wir uns nichts verheimlichen“, schreibt Ratzinger dazu 1968, dann seien wir versucht zu sagen, Kirche sei „weder heilig noch katholisch“. Das Konzil wenige Jahre zuvor habe sie „sündig“ genannt, was zu „unserer Erfahrung“ passe. Ihre „paradoxale Struktur aus Heiligkeit und Unheiligkeit“ sei wohl die dramatische „Gestalt der Gnade in dieser Welt“. So erfüllt von allem menschlichem Versagen sei ihre Geschichte, dass man Dantes Vision von der „Babylonischen Hure im Wagen der Kirche“ verstehe. Monster am Steuer! Das ist etwas heftiger als 1,54 Promille.

Nach einer Mixa-Woche historischer Einordnungen („größte Krise seit …“) soll nicht die vergleichsweise zentralistische, geordnete, moralische Ecclesia Sancta unserer Tage gegen Horrorszenarien von einst ausgespielt werden. Das Desaster Jetzt ist immer das schlimmste. Joseph Ratzinger freilich, der als Konzilstheologe das II. Vatikanum 1962 bis ’65 mitprägte und damals beglückt Kurienreform und Belebung bischöflicher Kollegialität als demokratischen Ausgleich des Papst-Primats feierte, wird heuer kaum weisen, wie es weitergeht. Aus dem Jungstar wurde ein zagender Leader, der beim Bemühen, dem aufgrund oberflächlicher Konzilsrealisierung angeblich entschwundenen Mysterium wieder Raum zu schaffen, reaktionär taktiert. Sein Konzilskollege Hans Küng wirft ihm nun in einem Brief an alle Bischöfe vor, Beschlüsse „gegen den Geist der Konzilsväter nach rückwärts“ zu interpretieren. Küng fordert: episkopalen Widerspruch, Reformen, lokale Lösungen, ein Konzil. Andere Wunschzettel proklamieren die Abschaffung unzeitgemäßer Morallehren und Strukturen.

Wenn säkular über Kirche geredet wird, versteht man sie als Apparat. Der bleibt lädiert, wo Verbrechensvertuschung auf Kosten Schutzbefohlener das Image retten sollte. Es folgen: Kontrollverlust, Erosion des Ansehens, der Privilegien, der Ausstattung, der Aufgaben – Säkularisierung, Teil 2. Dass einige Apparatschiks überspitzte Medienangriffe zum Anlass nehmen, sich als Passionsfiguren zu stilisieren, passt zur missbrauchten Theologie der Besitzstandswahrer.

Wo dagegen aus Glaubenssicht über Kirche als Sakrament – Zeichen der Gegenwart Gottes – geredet wird, erkennen Optimisten die schmerzhafte Schleifung als Chance. Genutzt würde diese, wenn mehr Christen mit und ohne Zölibat ihr Leben als Mystik im Alltag realisieren; wenn Gemeinden ohne Funktionärspräsenz von Engagierten getragen werden, woraus sich Priesterweihen „bewährter Ehemänner“ organisch entwickelten. Wenn Klerikerausbildung von kasernierter Normierung zum kommunitären Reifungsprozess umgebaut wird. Wenn Zölibatäre, Bischöfe und Papst eingeschlossen, von Einzelkämpfern zu Vita-communis-Kennern werden, um zu zeigen, was sie mit Erlösung meinen: „neue“ Beziehungen der Einheit in Vielfalt.

Ist Schmerz eine Chance? So ein Satz provoziert auch Nichttraumatisierte. Dass der Schmerz ein Sakrament wäre, sprengt den Katechismus – aber seine alchemistische Verwandlung in Liebe ist das Kerngeschäft der Kirche. Mysterium grüßt Benedikt.

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