Meinung : Kaum Vorsprung durch Technik

Roger Boyes, The Times

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Wer hätte je gedacht, dass ich länger leben würde als mein Fernsehgerät? Der Mann vom Elektronikladen in der Blissestraße klang am Telefon wie einer vom Bestattungsunternehmen. Der Leasingvertrag meines großen alten Toshiba ende im Dezember, nun sei die Zeit für eine Entscheidung: den alten, ungeliebten Fernseher in meinen Besitz zu überführen und darauf zu warten, dass er explodiert. Ich könnte ihn dann einäschern lassen und im Garten beerdigen. Oder einen neuen Leasingvertrag zu unterschreiben, die Rate bliebe die gleiche, diesmal für einen hoch entwickelten Plasma-Designer-Traum.

Der Verkäufer ließ keinen Zweifel daran, dass dies eine der größten Lifestyle-Entscheidungen meiner verbleibenden Monate auf dieser Erde wäre: Entweder würde ich mich von ihr als Versager verabschieden (Toshiba) oder als fortschrittlicher, trendsetzender Champion der weißglühenden Zukunft namens Plasma. Die Entscheidung, sagte er mit tiefem, ernsten Bariton, läge ganz bei mir.

Das Vorüberziehen von Zeit wird in Leasingverträgen gemessen. Der graue, überdimensionale Toshiba kam im Umzugsjahr 1999 in mein Leben, er hat seitdem mein Wohnzimmer fest im Blick gehabt. Er hockt da wie eine dicke, alte, jungfräuliche Tante, die sich weigert, ihren Sessel zu verlassen. Ich benutze ihn selten, nur um meinen „Morgenmagazin“-Helden Cherno Jobatey anzuschauen. Oh, und für den „Tatort“.

Wird man Plasma-Fernseher für topaktuell, für supermodisch halten, wenn der Leasingvertrag in fünf Jahren ausläuft? Ich habe da so meine Zweifel. Sie werden enden wie die anderen sinnlosen technologischen Entwicklungen. Was war denn mit dem e-Buch? Mit der Idee, dass man Millionen Worte auf einem Chip speichern und „Krieg und Frieden“ auf einem Laptop lesen kann? Darüber redete vor ein paar Jahren die ganze Frankfurter Buchmesse. Überraschenderweise stellte sich heraus, dass die Menschen lieber ein warmes gebundenes Buch mit ins Bett nehmen als einen Computer. Benutzt irgendjemand ein Videophon? Wer will schon das Gesicht von dem Gesprächspartner am Ende der Leitung sehen? Der Sinn des Telefons ist es doch gerade, dass man in der Nase bohren kann, während man mit seinem Chef redet. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als alle in unserer Redaktion Pager mit sich rumtragen mussten, um kurze Befehle an die Mitarbeiter zu senden. Das war in den 80ern. Heute tragen die nur noch Ärzte und Drogenhändler. Plasma-Fernsehen wird ebenso dem Vergessen anvertraut werden, weil alle tun, als ob sie ohnehin nie fernsehen würden.

Nein, ich bin kein totaler Technophobe. Ich finde es nur schade, dass einige traditionelle Kulturtechniken verschwinden – es gibt inzwischen eine Webseite, die einem beim Liebesbriefeschreiben hilft (www.liebesbriefe.de) –, weil es immer neue Technologien gibt. Handys und die feine Kunst des intelligenten Simsens sind durchaus hilfreich für Liebende: Sie können Präsenz und Sympathie übermitteln. Der Preis dafür ist der Verlust des privaten Moments: still Menschen an der Bushaltestelle beobachten oder ungestört im Zug lesen können. Der Verlust von Privatheit durch Handys, der Übergriff auf fremde Leben, wird dadurch aufgewogen, dass sie Leben retten können. Ich war vor zwei Wochen Zeuge eines besonders schlimmen Unfalls im Wedding: Das Opfer war sofort umringt von einer Traube Menschen, die die Feuerwehr anriefen. Vor zwanzig Jahren wäre dieser Schüler noch verblutet.

Wir haben aber die Fähigkeit verloren, zwischen sinnvoller und sinnloser Technologie zu unterscheiden. Am Beginn des 20. Jahrhunderts wachte ein wohlhabender Berliner in einem Haus mit Zentralheizung auf, öffnete beim Frühstück seine Post, telefonierte, bezahlte seine Putzfrau und kam mit einem Automobil oder der S-Bahn zur Arbeit. Er las eine Tageszeitung, kaufte in einem Warenhaus ein und besuchte ein Theater. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts macht er so ziemlich das Gleiche. Telefone haben keine Kabel mehr, und einige der Briefe kommen elektronisch an, doch die Bedingungen unseres Wohlergehens wurden vor 100 Jahren gesetzt.

Echter Fortschritt überlebt Leasingverträge. Das technologische Zeug, das Kinder heute verlangen – iPods und MP3s – oder gelangweilte Erwachsene – BlackBerrys und Fotohandys –, wird längst peinlicher Müll sein, wenn die Agenda 2010 das Ende ihres eigenen Leasingvertrages erreicht hat. Sie werden sich in meinem Keller zu den Handys in Ziegelform (Jahrgang 1993) und den anderen elektronischen Leichen gesellen. Vielleicht wird dann noch etwas Platz übrig sein neben meiner armen austherapierten Toshiba-Glotze.

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