Meinung : Kein Plan im Kosovo

Das UN-Protektorat wählt – und verschlingt still und leise Milliarden

Caroline Fetscher

W o liegt noch mal das Kosovo? Gelegentlich kratzt sich ein Politiker am Kopf und erinnert sich an die Region in Südosteuropa, die an Serbien-Montenegro, an Mazedonien und Albanien grenzt. Ganz besonders erinnert man sich, wenn dort wieder Häuser brennen, wie dieses Jahr im März. Ansonsten aber ist das Experiment Kosovo, sind die Wahlen, die dort heute abgehalten werden, weder Titelseiten wert, noch sind sie Chefsache von Topdiplomaten. So viele Brennpunkte kennt die politische Landkarte der Gegenwart, dass wenige von uns ihr Augenmerk noch auf das Fleckchen Erde lenken, das doch ab Sommer 1999, nach dem Erfolg der Nato-Intervention, Geschichte schreiben sollte.

Damals verabschiedeten die UN ihre Resolution 1244, mit der die südserbische Provinz de facto zum Protektorat der Vereinten Nationen wurde. Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und funktionierende Institutionen sollte die Unmik dort aufbauen. Als Vorzeigeprojekt international sanktionierter Aufbauhilfe sollte das zwei Millionen Einwohner zählende Treuhandgebiet vor aller Augen gedeihen. Doch seither kamen und gingen glücklose UN-Verwalter mit gigantischen UN-Gehältern, und das Projekt Kosovo scheint still und leise weiterhin Milliarden von Euro zu verschlingen.

Aber geht nicht eigentlich alles ganz gut? Selig war die Staatengemeinschaft schon, als aus den ersten Wahlen Ibrahim Rugova, der gemäßigte Mann mit der leisen Stimme, siegreich hervorging – und nicht die national-populistischen Helden der Ex-Partisanenarmee UCK wie Hashim Thaci oder Ramush Haradinaj. Überrascht war man von der Reife der Bevölkerung, die den Jungen zwar den Kampf um die Dörfer zugetraut hatte, aber dem moderaten Alten das Regieren überlassen wollte.

Dabei wird es nicht bleiben. 70 Prozent Arbeitslosigkeit und das noch immer kaum funktionierende Stromnetz liefern den einen Sprengstoff. Immer neue Drohungen aus dem schon wieder rassistisch tönenden Post-Milosevic-Belgrad den anderen – und das in einem Land, wo Massengräber von Serben ermordeter albanischer Familien eben mal fünf Jahre alt sind.

Die Unzufriedenheit im Kosovo wächst in gefährlichem Maß. Der noch ungeregelte Status des Landes – Teilrepublik? Autonomie?  Unabhängigkeit? – schreckt Investoren ab, ohne die keine Arbeitsplätze entstehen. Und ohne Arbeitsplätze kein sozialer Frieden.

Veton Surroi, Lieblingskandidat des Westens bei diesen Wahlen, ist ein politischer Neuling. Seine Wahl könnte eine Wunderwaffe gegen die Malaise im Kosovo sein. Intellektuell und intelligent ist der „jugoslawische“ Diplomatensohn Surroi, Mitte 40, ein Demokrat aus Leidenschaft. Seinen Job als einflussreicher Verleger ließ er für die Politik im Stich. Surroi, der als Albaner ohne Ressentiments das vielen verhasste Serbisch spricht und der eine Kandidatin aus der Gruppe der Roma ins Schattenkabinett berief – der hätte noch am ehesten das Zeug, das Kosovo aus der ethnischen Falle holen, in die beide Bevölkerungsgruppen dort erneut zu tappen drohen. Doch die Chancen für seine Partei sind mager. Nationalisten haben das Wort, Serben wollen die Wahlen boykottieren, wozu Premierminister Kostunica in Belgrad sie auch noch ermutigt.

Erhält Surrois Partei genug Prozente, um mitzuregieren, kann man schon erleichtert sein. Aufatmen aber sollte der so genannte „Westen“ dann noch lange nicht. Solange das unkreative Durchwurschteln, dessen sich auch die UN-Verwaltung schuldig macht, einfach weitergeht, läuft er sehenden Auges in eine Sackgasse. Wenn es uns schon nicht interessiert, ob junge Bürgerinnen und Bürger dort Perspektiven haben oder ob wieder Häuser in Flammen stehen,  dann könnte doch zumindest eins unser Interesse wecken: Die Frage, ob etwas Aussichtsreiches und Sinnvolles mit den Unmik-Milliarden passiert. Denn dafür zahlen wir alle.

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