Meinung : Kein Schwein ruft mehr an

Die Telekom steckt in der Krise. Wie sie da rauskommen will, weiß ihr Chef Ricke nicht so recht

Corinna Visser

Die Telekom-Aktionäre sind Kummer gewohnt und müssen schon wieder einen harten Schlag verkraften: Das Unternehmen wird in diesem Jahr weniger verdienen als geplant und schlägt deshalb viele Anleger in die Flucht. Am Donnerstag sank der Börsenwert der Telekom in ein paar Minuten um fünf Milliarden Euro. In Deutschland verliert die Telekom massiv Kunden im Festnetz und auch der Umsatz im Mobilfunk schrumpft. Schlimmer noch: Es ist keine Wende in Sicht. Konzernchef Kai-Uwe Ricke kann derzeit keine überzeugende Antwort auf die drängendste Frage der Investoren, Analysten und Privatanleger geben: Wie will die Telekom trotz des Verdrängungswettbewerbs wachsen?

Ricke verspricht neue Produkte. Die Preise will er senken, den Service verbessern und die Kosten radikal reduzieren. Doch wird das reichen? Wie die Produkte aussehen werden, ist bekannt: Pauschaltarife fürs Telefonieren und Surfen, Kombinationen aus Festnetz und Mobilfunk und schließlich noch Fernsehen über das Internet. Vieles davon ist längst auf dem Markt – bei den Wettbewerbern im In- und Ausland. Und sinkende Preise machen auch noch keine Strategie. Der Wettbewerb verlangt die Reduzierung, der Druck auf die Margen wird noch größer. Besseren Service verspricht Ricke, seit er vor bald vier Jahren seinen Posten angetreten hat. Jetzt kündigt er an, dass die Telekom-Techniker eine Kundenwohnung künftig erst verlassen, wenn der DSL-Anschluss funktioniert und der PC erfolgreich konfiguriert ist. Es ist eine Katastrophe, dass er das immer noch ankündigen muss.

Auch die Kostensenkung kommt spät. Der Personalabbau ist zwar längst beschlossen, und auch der jetzt geplante schnellere Umbau des alten Telefonnetzes zu einem einheitlichen, auf der Internettechnik basierenden Netz ist ein richtiger Schritt, um Kosten zu sparen. Doch die großen Wettbewerber etwa in Frankreich oder Großbritannien sind mit diesem Projekt viel weiter vorangekommen.

Unterm Strich bleibt der Eindruck eines Vorstandsvorsitzenden, der den Konzern an einen Punkt bringen will, den andere längst erreicht haben. Dabei ist es Ricke nicht einmal gelungen, seine Mannschaft von weltweit 250 000 Mitarbeitern hinter sich zu bringen und auf eine Linie einzuschwören. Immer noch arbeiten Festnetz und Mobilfunk mehr gegen- als miteinander. Und für den Kunden ist es ärgerlich und unverständlich, dass im Konzern niemand den Überblick hat, welche Verträge er wo bei der Telekom hat.

Natürlich ist es richtig, dass die Telekom Marktanteile abgeben muss, schließlich soll es Wettbewerb geben. Doch es gelingt dem Konzern einfach nicht, sich den größten Schatz zunutze zu machen, den er – noch – hat: mehr als 30 Millionen Kunden. Ziel muss es sein, daraus 30 Millionen zufriedene Kunden zu machen. Dann werden auch die Aktionäre wieder zufrieden sein. Irgendwann.

Seiten 1 und 17

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