Meinung : „Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden“

Martin Gehlen

Seit die katholische Kirche ihm 1979 die Lehrerlaubnis entzog, weil er die Unfehlbarkeit des Papstes in theologischen Fragen anzweifelte, galt Hans Küng als einer der prominentesten Kirchenkritiker. Umso überraschender, dass der gebürtige Schweizer nun bei Benedikt XVI. eine Audienz für eine „freundschaftliche theologische Diskussion“ bekam.

Der 78-jährige Papst und der ein Jahr jüngere Papstkritiker kennen sich seit 50 Jahren. Am Zweiten Vatikanischen Konzil nahmen die „theologischen Teenager“ als Berater teil. Damals freundete sich Hans Küng mit dem hochbegabten Bayern an. 1966 holte er ihn nach Tübingen auf den renommierten Lehrstuhl für Dogmatik. Beide trafen sich jeden Donnerstag zum Abendessen – der selbstbewusste Schweizer kam mit dem offenen Sportwagen, der scheue Bayer stets mit dem Fahrrad.

Trotzdem spielte Ratzinger zehn Jahre später im Hintergrund eine Schlüsselrolle bei der Entscheidung Roms, Küng die Lehrerlaubnis zu entziehen. Der Gemaßregelte blieb trotzdem Priester und fühlte sich zeitlebens in der katholischen Kirche verwurzelt. Theologisch begann er, sich immer mehr dem interreligiösen Gespräch zu widmen. Mit der Programmschrift „Projekt Weltethos“ legte er dafür 1990 einen Grundstein. Darin rief er die Religionen zum Dialog auf, um sich auf die bestehenden elementaren Gemeinsamkeiten im Ethos zu besinnen. „Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden“ lautet die Kernthese – eine Überzeugung, die auch Ratzinger teilte.

Anfang 2004 griff dieser bei seinem berühmten Auftritt in der Katholischen Akademie in Bayern den Faden Küngs auf und plädierte für eine neue Offenheit der katholischen Kirche gegenüber anderen Kulturen: „Interkulturalität erscheint mir heute eine unerlässliche Dimension für die Diskussion, um die Grundfragen des Menschseins zu bilden, die weder rein binnenchristlich noch rein innerhalb der abendländischen Vernunfttradition geführt werden kann“, sagte der damalige Kurienkardinal.

Bei der Audienz am Samstag standen dann auch die Fragen des Weltethos und des interkulturellen Dialogs im Mittelpunkt. Zwei Stunden sprachen beide miteinander, ohne den alten Dogmenzwist wieder aufzuwärmen: „Beide Seiten waren sich einig, dass es nicht sinnvoll sei, im Rahmen dieser Begegnung in einen Disput über die Lehrfragen einzutreten, die zwischen Hans Küng und dem Lehramt der katholischen Kirche bestehen“, hieß es dazu im Kommuniqué.

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