Meinung : Kein Wille, kein Weg

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Von Christoph von Marschall

Erinnert sich noch jemand an Afghanistan? Das ist das Land, um das vor einem halben Jahr Krieg geführt wurde – ein Krieg, dessentwegen erstmals in der Nato-Geschichte der Bündnisfall ausgerufen wurde; ein Krieg, der die rot-grüne Koalition fast platzen ließ (obwohl keine deutschen Soldaten an Kämpfen beteiligt waren), und der neue Gräben zwischen Europa und Amerika aufriss. Ein Krieg, der die deutsche Öffentlichkeit so aufwühlte, dass die Bundesregierung beschloss, eine Nachkriegsordnung für Afghanistan zu vermitteln: bei der Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn.

Die Deutschen haben Afghanistan längst wieder aus den Augen verloren. So wie in den über zwanzig Kriegsjahren am Hindukusch vor dem 11. September 2001 gilt die Regel: Man gewöhnt sich und schaut nur noch hin, wenn es plötzlich besonders laut knallt. So war es im Krieg gegen die sowjetische Besatzung, im Bürgerkrieg zwischen den rivalisierenden Stämmen und jetzt zuletzt auch im Krieg gegen das Terrornetzwerk Al Qaida und seine afghanischen Gastgeber, das Taliban-Regime. Die Aufmerksamkeit hielt diesmal nur etwas länger, weil westliche Soldaten beteiligt waren.

Und: Läuft es nicht im Großen und Ganzen wie am Petersberger Schnürchen? Die Interimsregierung unter Hamid Karsai müht sich, die größte Not zu lindern und allmählich wieder eine Verwaltung aufzubauen. Vor gut zwei Wochen ist der Ex-König Sahir Schah nach Kabul zurückgekehrt, ein Symbol der Einheit des Landes und der Hoffnung auf Frieden. Anfang Juni soll die Loya Jirga, der große Rat aller Stämme, zusammenkommen und eine reguläre Regierung wählen. Normalisierung, so scheint es, nach Plan.

Auf den zweiten Blick jedoch gibt es auch hässliche Nachrichten aus Afghanistan: Eben erst sahen sich die Briten zu einer neuen Großoffensive im Südosten genötigt. Die Taliban sind aus Kabul vertrieben, aber nicht besiegt. Immer wieder kommt es zu Raketenangriffen auf Flughäfen. Auf den von den US-Truppen benutzten Straßen werden regelmäßig neue Minen gefunden. Und die UN warnen vor einer neuen Hungersnot. In vielen Gegenden werden die Vorräte vor der Erntezeit aufgebraucht sein. Alles nichts Überraschendes so kurz nach Kriegsende.

Doch sind das nicht nur Nachwirkungen der langen Kriegsjahre, sondern auch Vorboten weiterer Konflikte. Das jetzige Übergangskabinett ist keine Regierung der Versöhner, sondern eine erzwungene Koalition von Kriegsherren. Sie sind nicht an nationaler Einheit interessiert, sondern an ihrem jeweiligen regionalen Machtmonopol. Afghanistan heute, das ist ein König ohne Thron, ein Premier ohne Land, ein Volk ohne Brot und Sicherheit. Der „Staat“ existiert nur auf dem Papier, er hat kein Gewaltmonopol und ist nicht in der Lage, Steuern zu erheben.

Ein bisschen unparteiliche Sicherheit gibt es allein in der Hauptstadt Kabul, garantiert von den internationalen Truppen (ISAF). Deshalb wird immer wieder die Forderung zu hören sein, die ISAF solle ihr Mandat auf das ganze Land ausdehnen. Das will wohl überlegt sein. Ja, der Westen hat mit seiner Intervention Verantwortung übernommen. Muss er da nicht die Stabilisierung mit Geduld und Nachhaltigkeit zu Ende führen – wie auf dem Balkan? Weil er sonst riskiert, dass das Land in Anarchie zurückfällt und bald dem nächsten Terrornetzwerk Zuflucht bietet.

Aber die Friedensgegner sind stärker als auf dem Balkan. Die kampferprobten Kriegsherren der Nordallianz sind von anderem Kaliber als, zum Beispiel, die albanische Untergrundarmee UCK in Mazedonien. Die kann man nicht einfach mit der Autorität der Nato – und gelegentlichem Einsatz militärischer Macht – in die Schranken weisen.

Frieden in Afghanistan wird erst einkehren, wenn eine große Mehrheit der Stammesführer ihn will – und dafür egoistische Interessen hintanstellt. Mit der Gewährung oder dem Entzug von Aufbauhilfe kann der Westen diese Eigenverantwortung der Afghanen fördern. Er kann sie nicht ersetzen, schon gar nicht mit dem Blut seiner Soldaten.

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