Meinung : Keine Basis für ein Dogma

Die katholische Kirche und die schwierige Ökumene

Claudia Keller

Bernhard Kroll aus Bayern sieht aus wie ein katholischer Bilderbuch-Pfarrer: rund und freundlich. Am Mittwoch hat ihn der Eichstätter Erzbischof Walter Mixa vom Amt suspendiert, denn der Pfarrer hat im vollen Ornat am evangelischen Abendmahl teilgenommen. Kroll ist kein Rebellentyp, keiner, der in Rom ein Strafregister liegen hat. Deshalb identifizieren sich viele Katholiken mit ihm und schicken Solidaritätspost. Denn Kroll hat in offiziellem Ornat nur das getan, was für sie längst selbstverständlich ist.

Jeden Sonntag gehen Tausende Katholiken zum evangelischen Abendmahl, obwohl es der Papst verboten hat. Die meisten sind keine Rebellen. Sie tun es, weil sie mit Protestanten verheiratet sind, weil ihnen die Predigt des evangelischen Pfarrers gefällt oder wegen der schönen Stuckdekorationen. Ökumene, die Einheit der Christen, ist für sie Beziehungsalltag. Deswegen ist die Ohrfeige für Bernhard Kroll auch eine für all jene, die sich in evangelischer Luft wohl fühlen. Wenn die katholische Kirche den Graben zu dieser Basis weiter vergrößern will, kann man ihr zu Mixas Strafaktion gratulieren.

Wie der gerade in Berlin zu Ende gegangene ökumenische Kirchentag gezeigt hat, verstehen immer weniger Christen, warum ihre Konfessionen weiter auf ihren Eigenheiten beharren. Aber viele katholische Amtsträger schauen trotzdem lieber nach innen als nach außen. Die Einheit der Amtskirche ist ihnen wichtiger, auch wenn sich immer mehr Gläubige von ihr verabschieden. Würde der Papst morgen gemeinsame Abendmahls- und Eucharistiefeiern zulassen, so fürchten sie, könnten sich dogmatisch-konservative Gruppen abspalten. Die Katholiken zusammenhalten und sich gleichzeitig den anderen christlichen Konfessionen annähern – das könne nur Rom. Zudem befürchten die deutschen Kirchenfürsten an Einfluss zu verlieren, wenn sie sich zu weit auf die liberale Seite schlagen, den Bedürfnissen der Basis zu sehr nachgeben. Mixas Strafmaßnahme hat Rom gezeigt, dass man sich dort auf die deutschen Bischöfe verlassen kann. Ob das die Ohrfeige rechtfertigt?

Kirchen sind letztlich Dienstleistungsunternehmen. Wenn sie überleben wollen, müssen sie sich genau überlegen, wen sie durch Neuerungen verlieren und wen sie gewinnen. Die Gläubigen, die von der Kirche ein bisschen Spiritualität haben wollen und sonntags eine gute Predigt, sind in der Mehrheit. Dogmatiker sind in der Minderheit. Ein Unternehmen, dem die Bedürfnisse der Minderheit wichtiger sind, existiert nicht lange – zumindest nicht ohne teure Subventionen.

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