Meinung : Keine Erziehung ohne Beziehung

„Kein Beruf wie jeder andere“

vom 6. Januar

Ich bin gerne Lehrerin. Ihre Worte haben so viel Wahres über meinen Beruf vermittelt, was selten gesagt wird. Danke dafür, diese Gedanken sind genau das Richtige nach den Weihnachtsferien.

Silvia Twardawa-Lüth,

Berlin-Charlottenburg

An dem Artikel lässt sich erkennen, dass es grundsätzlich im Leben um die Einstellung geht. Fast eine ganze Zeitungsseite Platz – und der Autor nutzt 95 Prozent des Inhalts zu Kritik und „Jammerei“ über den von ihm selbst gewählten Beruf. Auf den restlichen Zeilen kann er sich dann doch noch eine positive Aussage über den Lehrerberuf abringen. Es geht aber um die Verantwortung von Lehrern, sich den Berufsanforderungen in der Realität zu stellen und nicht gleich beim kleinsten Problem laut nach Hilfe zu schreien. Wenn ich einen Beruf wähle, in dem ich mit Menschen zu tun habe, sollte mir bewusst sein, dass nicht alle Menschen gleich sind. Und dies sind gerade Kinder, die eben noch reifen und sich entwickeln. Da sollte Verständnis und Toleranz seitens der älteren Menschen, nämlich der Lehrer, aufgebracht werden und nicht Unverständnis und ständiges Kritisieren über Unfähigkeit und Unwillen zum Lernen. Lehrer sollten sich dann immer fragen, ob sie tatsächlich ihre Arbeit gut erledigt haben. SchülerInnen gehen zum Lernen in die Schule. Wenn die Bildungsqualität leidet, kann das nicht nur an den SchülerInnen liegen.

Katrin Dummer, Königs Wusterhausen

Wolfgang Harnischfeger geht hier von einem Modell von Schule aus, das ihn wohl seine ganze Schullaufbahn geprägt hat, und er vermutlich für unausweichlich hält. Es ist die Schule als „Unterrichtsanstalt“ mit der klassischen Rollenverteilung von Lehrer als „Lehrendem“ und Schüler als „Lernenden“. Es ist das Konzept von „Bildung durch Unterricht“ in der Tradition von Pestalozzi und Humboldt, wie es das Gymnasium und damit die ganze deutsche (Sekundar)Schule prägt. Er reflektiert an keiner Stelle dieses Schulmodell, obwohl es schon lange von vielen kritisiert wird und z. B. von Hartmut von Hentig 1993 als unzureichend beschrieben wurde. Der Autor beschreibt die Belastungen in der sozialen Interaktion mit den Schülern sehr einprägsam, kommt aber nicht auf die Idee sich zu fragen, ob nicht diese belastende Situation dadurch aufhebbar wird, wenn die Jugendlichen schrittweise mehr Eigenverantwortung übernehmen (müssen), nicht mehr mit der Rolle als Schülerinnen und Schüler in diese Situation fixiert werden. Für von Hentig ist die Schule, zumindest der Sekundarstufe, ein „Ort, an dem man gebraucht wird.“ Das Schulmodell von Wolfgang Harnischfeger kennt die „nützliche Erfahrung, nützlich zu sein“ nicht. Solange Schule von „Als-ob-Lernen im Klassenzimmer“ statt „Erfahrungslernen im Leben“ geprägt ist, solange es um Antworten auf fremde Fragen und nicht um Antworten auf eigene Fragen geht, solange wird sich an den von Wolfgang Harnischfeger beschriebenen Problemen nichts Wesentliches ändern. Margret Rasfeld und Peter Spiegel haben in ihrem Buch „EduAction“ beschrieben, wie ein Schulmodell im Sinne von Hartmut von Hentig aussehen kann und in der Evangelischen Schule Berlin Zentrum zeigen sie, dass es auch funktioniert. Kein Wort davon bei ihm. Schade, wieder eine Chance vertan, zumal es auch in der öffentlichen Berliner Schule längst Schulmodelle gab und gibt, die in dieser Richtung arbeiten. „Stadt-als-Schule“ war solch ein Schulmodell, leider wurde sie aufgelöst. Das Produktive Lernen in der neuen Sekundarschule enthält solche Elemente. Wenn Berlin zu wenig tut, dann bei der Unterstützung der Sekundarschulen, in diese Richtung zu gehen. Das kann man aber ändern.

Dirk Jordan, Berlin-Zehlendorf

Stimmig, umfassend, ziemlich großartig, wie Wolfgang Harnischfeger den Lehrerberuf darstellt. Jetzt müssen in Berlin nur noch Schulpolitiker, Schulverwaltungen, Schulleitungen, Lehrerkollegien (unterstützt von Gewerkschaften und Personalräten), Universitäten, Fortbilder, Lehramtsstudenten, Eltern, Schülerschaft und Öffentlichkeit ihre Konsequenzen ziehen – und Schule kann das Haus des Lernens werden, das sie schon immer sein wollte. Wer fängt an?

Fro Tinnappel, Berlin-Zehlendorf

Einen Aspekt möchte ich noch verstärken: Das, was sich heute Lehrerausbildung und Fortbildung nennt, wird nur auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner diesen Begriffen gerecht. Weder die lerntheoretisch notwendigen, auch auf ältere Pädagogen zugeschnittenen Angebote, noch die materiellen und strukturellen Mittel im Haushalt, noch die realistische Einschätzung des zeitlichen Aufwands lebenslangen Lernens, noch die Wertschätzung vonseiten der Berliner Dienstdamen und -herren erfüllen das, was Harnischfeger „innerlich mitnehmen“ nennt. Bundesweit beklagen wir seit Jahren den fehlenden Masterplan für umfassende und zukunftsgerechte Lehrerbildung auf allen Stufen. Was bisher in Bruchstücken und föderal chaotisiert sichtbar wird, verdient diesen Namen nicht. Lehrerbildung ist wissenschaftliche und pädagogische Menschenbildung (siehe Harnischfeger), die nicht in kleinen Nebenbei-Modulen abgehakt werden kann. Sie ist das Kraftzentrum schulischen Lebens – der Autor weist zu Recht darauf hin, danke!

Fritz Tangermann, Berlin-Wannsee

Den detailliert-anschaulichen und vom persönlichen Erfahrungsschatz getragenen Ausführungen kann ich sehr gut folgen und dabei auch eigene Sicht- und Denkweisen überprüfen. Neben dem Lösungsvorschlag zu umfangreichen Fortbildungsmaßnahmen fehlen mir aber weitere Betrachtungen: Die analytischen Konsequenzen müssen auch schon bei der Pädagogen-Ausbildung und Berufseignung berücksichtigt werden. Als ehemaliger Amtsarzt und Sozialmediziner habe ich in zahlreichen gutachtlichen Kontakten zu Lehrern zu oft feststellen können, dass die offenbar mangelnden pädagogischen und sozialen Kompetenzen (Mit-)Ursache für psychische und physische Gesundheitsschäden bis hin zur Frühpensionierung waren, oder schlicht ausgedrückt, der falsche Beruf gewählt worden war. Ein Risiko übrigens, das auch in meiner eigenen Berufsgruppe durch starre Numerus-clausus-Berufsauswahl nicht fremd ist. Auch für Lehrer – wie für Schüler – muss die grundsätzliche Einführung von Ganztagsschulen als Arbeitsplatz unter Schaffung der erforderlichen Rahmenbedingungen durch den Schulträger das Ziel sein. Nur so kann es gelingen, neben den pädagogisch-fachlichen Aufgaben alle anderen unbedingt notwendigen Tätigkeiten, wie Austausch mit Kollegen, Supervision, Beratung von/mit Schülern, Eltern, Institutionen ebenso, wie Beschaffung von Materialien und Informationen durch technische und personelle Assistenz, in effizienter Form und unter Minimierung von Überforderungsrisiken zu leisten.

Dr. Gerhard Reimers, Hannover

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