Meinung : Keine Haie auf der Bourbon Street

Die Seuchengefahr nach Hurrikan „Katrina“ wird überschätzt

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Alexander S. Kekulé Nach dem verheerenden Hurrikan warnen Behörden und Medien in den USA nun vor der nächsten Katastrophe: Dem Ausbruch von Seuchen. Die Fluten in den Straßen und Häusern von New Orleans hätten praktisch die Qualität von Abwasser, seien voller gefährlicher Bakterien und Viren. Das stehende Gewässer sei idealer Brutplatz für Moskitos, die Denguefieber und sogar Malaria verbreiten könnten. Ganz zu schweigen von in der Stadt umherschwimmenden Krokodilen, Giftschlangen und Haien.

Keines dieser Horrorszenarien ist wirklich gefährlich. Beunruhigend ist jedoch, dass selbst die zuständigen USBehörden offenbar nicht genau wissen, aus welcher Richtung Gefahr droht: Während die lokalen Katastrophendienste in Louisiana eindringlich vor Seuchen warnen und das Verteidigungsministerium aus Großraumflugzeugen Insektizide versprühen will, hält die oberste US-Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention), den Ausbruch von Seuchen für „sehr unwahrscheinlich“.

Seuchenausbrüche im Gefolge von Überschwemmungen, wie sie in der Dritten Welt regelmäßig auftreten, sind in den USA nicht zu erwarten. Die besonders gefürchteten Cholera- und Typhusepidemien entstehen, wenn viele Menschen auf engem Raum, etwa in Flüchtlingslagern, zusammenleben und mit menschlichen Fäkalien verunreinigtes Wasser trinken müssen. Da Cholera und Typhus in den USA kaum verbreitet sind, gibt es nur wenige „Ausscheider“, die als Ansteckungsquelle in Frage kämen. Davon abgesehen werden die Menschen mit sauberem Trinkwasser versorgt.

Noch abwegiger ist die Befürchtung des Pentagon, im Wasser brütende Mücken könnten Dengue und Malaria verbreiten. Die Moskitos übertragen den Erreger nur von Mensch zu Mensch, so dass eine Epidemie nur in Gegenden mit vielen Infizierten entstehen kann. Denkbar wäre allenfalls eine Zunahme der Infektionen mit dem West- Nil-Virus, das durch Stechmücken von Vögeln auf den Menschen übertragen wird. Dessen Häufigkeit hängt jedoch hauptsächlich von der Zahl virustragender Vögel ab. Zudem erkrankt nur etwa einer von 150 Infizierten. Das in den Südstaaten ohnehin verbreitete West-Nil-Virus ist deshalb ebenfalls kein Grund zur Aufregung.

Auch ohne Seuchen hat sich der US-Katastrophenschutz offenbar wenig Gedanken für den Ernstfall gemacht. Das zunächst als Evakuierungslager genutzte Sportstadion Superdome erwies sich als gemeingefährlich und musste wieder geräumt werden. Die wahllos mit Flüchtlingen überschwemmten Kleinstädte im Umkreis des Katastrophengebiets stehen vor dem Zusammenbruch. Trotz seines geradezu astronomischen Budgets hat das neu gegründete Ministerium für Heimatschutz keinen Plan für die Evakuierung einer Großstadt entwickelt. Für New Orleans wurde dies wegen der Hurrikangefahr seit Jahren gefordert. Ein Deichbruch in der Stadt zwischen Mississippi und Lake Pontchartrain galt als eine der wahrscheinlichsten natürlichen Katastrophen der USA. Kritische Stimmen fragen jetzt, ob es richtig war, die Katastrophenschutzbehörde Fema (Federal Emergency Management Administration) dem Heimatschutzministerium zu unterstellen und ihr Budget zu Gunsten der Terrorabwehr drastisch zu kürzen.

Mit den immer dichter und größer werdenden Ballungsräumen nehmen Katastrophen immer bedrohlichere Ausmaße an. Dabei sind sich die Szenarien für verschiedene Auslöser – von Hochwasser über Reaktorunfälle bis zu Seuchenausbrüchen – nicht unähnlich. Ein robuster und leistungsfähiger Katastrophenschutz muss deshalb für jeden Staat höchste Priorität haben. Das kann auch die deutsche Politik von „Katrina“ lernen.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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