Meinung : Keine Kinder, große Sorgen

Weder Geld noch Gebete steigern die Geburtenrate

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Von Katrin Göring-Eckardt Die in der Tat Besorgnis erregenden Zahlen zum demographischen Wandel verleiten offenbar zu moralischen Anklagen. Man liest und hört immer wieder Kommentare, in denen angesichts sinkender Geburtenraten der angeblich maßlose Egoismus jüngerer Generationen für das Verschwinden unseres „Genpools“ verantwortlich gemacht wird. Dieses Lamento über karrieresüchtige junge Menschen im gebärfähigen Alter ist uralt, aber neuerdings wagen sich manche mit einer Wortwahl hervor, die an dunkelste §-218-Debatten erinnert. Ja, genau, die abtreibenden Frauen sind wegen ihrer „Kultur der Lebensvermeidung“ an allem schuld. Und die „Bild“ titelte vor einigen Tagen: „Deutschlands Super-Frauen. Ohne Kinder mehr Erfolg?“

Der „Babynotstand“ ist ausgebrochen! Ganz klar: Schuld sind die bösen Karrierefrauen. Wer redet eigentlich über die größere Zahl von Männern, die keine Kinder bekommen und von den Vätern, die es den Müttern ihrer Kinder nicht gerade leicht machen, Beruf und Familie zu verbinden?

Und wie kann man bloß zu der Behauptung kommen, dass „wir“ – die Menschen meiner Generation – mehrheitlich keine Kinder wollen? Ich kenne viele Frauen und Männer, die sich Kinder wünschen. Viele bekommen auch welche. Dass andere keine bekommen, liegt in aller Regel nicht an Egoismus und Erfolgsgier. Es gibt praktische Probleme – diese sollten aber nicht mit dauernd neuen Versprechungen kaschiert werden. Im Moment erleben wir eine Aufwärtsspirale der leeren Versprechungen: Die Lebenssituation von Eltern soll verbessert werden (was immer das heißt), man versucht mit dem haltlosen Versprechen kostenloser Kita-Plätze für gute Stimmung zu sorgen. Das ist unseriös und hilft genauso wenig weiter wie der wohlfeile Werteappell. Niemand bekommt Kinder, weil er oder sie ein guter Mensch sein will. Auch neuerdings angeführte volkswirtschaftliche Horrorszenarien können niemanden überzeugen, Vater oder Mutter zu werden. Kinder bekommt man aus einem schwer bestimmbaren individuellen Gefühl heraus – nicht für ein moralisches Über- Ich, auch nicht aus Verantwortung für die Wirtschaft. Die moralistische Klage gegen den Wertverfall greift zu kurz.

Auch die materialistische Therapie gegen schrumpfende Geburtenraten hilft nicht. Als ob, wenn nur genug Geld umverteilt würde, die Kinder schon von selbst kämen. Dafür sind die Entscheidungen gegen das Kinderkriegen zu individuell, als dass sie durch Zuwendungen von Vater Staat massenhaft geändert werden könnten. So zu tun, als ob die Schuld an der ökonomischen Krise den Einzelnen zuzuweisen wäre, die die Fortpflanzung verweigern, verstellt den Weg für Lösungen. Den nicht erfüllten Kinderwunsch weiter zu überfrachten mit Ängsten, mit politischen Szenarien und nun auch noch mit moralischen Vorwürfen, wird nicht weiterhelfen. Das darf uns nicht daran hindern, dass Gesellschaft und Politik tun, was sie tun können.

Ein genauer Blick auf die gesellschaftlichen Umstände wäre sinnvoll. Viel zu selten wird die ökonomische Unsicherheit der heute Jungen beim Namen genannt, meist ist nur – wenn überhaupt – von einer abstrakten „Zukunftsangst“ die Rede, als handele es sich um ein Hirngespinst. Wer sich von Praktikum zu Honorarvertrag zu Praktikum, von Stadt zu Stadt hangelt, dessen Unsicherheit, wann und wo und unter welchen Bedingungen er oder sie Kinder bekommt, lässt sich aber nicht als persönliches Scheitern und Versagen abtun.

Wenn wir etwas dafür tun wollen, dass mehr Kinderwünsche erfüllt werden, dann muss klar sein, egal ob in Ausbildung, Teilzeit oder lebenslangem Beamtenverhältnis: Kinderbetreuung ist immer verlässlich, immer bezahlbar und flächendeckend vorhanden. Gleichzeitig gilt es, der demographischen Krise, wo es nur geht, zu begegnen: Wie können wir die Bildungschancen aller Kinder verbessern? Wie lassen sich schrumpfende Regionen wieder attraktiv machen, so dass Abwanderer wieder zurückkehren? Konkrete Fragen gibt es genügend, beschäftigen wir uns lieber damit, anstatt mit der Moralkeule zu drohen.

Die Autorin, 39, ist Vizepräsidentin des Bundestages und Abgeordnete der Grünen.

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