Meinung : Keine Nachforschungen in Kohls Zimmer am Wolfgangsee

Pascale Hugues, Le Point

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Was tun mit einem entmachteten Staatsmann? Jeder überschreitet irgendwann sein politisches Haltbarkeitsdatum, aber nicht jeder entsorgte Politiker lässt sich problemlos als Bürger wiederverwerten. Da gibt es Pragmatiker, die sich wenig um ihr postumes Image sorgen und die sich nach der politischen Karriere in eine Art Generalschlüssel verwandeln: Dank der guten Kontakte, die sie im Laufe der Jahre angesammelt haben, können sie für Wirtschaftskonsortien Türen öffnen, falls da mal was klemmen sollte. Dann gibt es Hedonisten, die lautlos verschwinden: Sie heiraten, gehen zu Fuß in die Galeries Lafayette, um Käse zu kaufen, legen ohne schlechtes Gewissen Pfunde zu. Es gibt Machtsüchtige, die nicht aufhören können: Sie werden zu zweifelhaften Levitenlesern, die ohne jede Legitimation weiterregieren und die Zeitungen mit guten Ratschlägen zur Lage der Nation überschwemmen. Es gibt weltliche Tribunen, die zwischen Langustinen-Soufflé und Himbeerpanacotta geistige Nahrung für die Dinner-Debatten gehobener Business-Clubs liefern. Die bedauernswerteste Spezies sind die armen Ackerer, die sich über Monate hinweg an der Seite ihrer Ghostwriter damit abquälen, unverdauliche Memoirensammlungen auszubrüten, die niemand lesen will außer ein paar hämischen Journalisten auf der Suche nach Skandälchen. Diese dicken Bände spielen eine enorm wichtige Rolle in modernen Haushalten, die nicht mehr über altgriechische Wörterbücher verfügen: Man kann damit nämlich ganz wunderbar Türen arretieren oder die Pobacken der Kinder auf die Höhe des familiären Küchentischs heben.

Und zu guter Letzt gibt es noch die eitlen Aussteiger, die großzügig ihre Namen zur Verfügung stellen: zur Benennung von Straßen, Fußballstadien oder neuen Rosengattungen. Einer meiner Freunde, ein ebenso respektloser wie kommunistischer Mensch, führt jeden Morgen seine zwei Zwergpudel spazieren: Der schwarze heißt Giscard, der weiße Chirac, und beide pinkeln besonders gerne in die Blumenbeete auf dem Place de la République.

Und dann gibt es da noch François Mitterrand. François Mitterrand hat es nicht nötig, viel Aufhebens um seine Person zu machen. Aufrecht sitzt er im Olymp der großen Männer Frankreichs und beobachtet die devote Betriebsamkeit, die in seinem nostalgisch gestimmten Land ausgebrochen ist. Zehn Jahre nach Mitterrands Tod ist die Erinnerung an ihn lebendiger als je zuvor. „Ich glaube an die Kräfte des Geistes, und ich werde Euch nicht verlassen“, hatte der Präsident den Franzosen in einer seiner letzten Fernsehansprachen erklärt. Und die Geschichte sollte Mitterrand Recht geben. Sein Arzt, seine Berater, die journalistische Elite Frankreichs, die Historiker von Rang, Mitterrands illegitime Tochter Mazarine – die Bücher über den Ex-Präsidenten füllten bereits ganze Regalwände. Und jetzt rollt eine neue Mitterrand-Welle über Frankreich hinweg: fünf Dokumentarfilme, diverse Bücher, unzählbare Artikel und Kommentare, ein langer Dialog mit Marguerite Duras. Schwer vorstellbar, was sich wohl Elfriede Jelinek und Helmut Kohl auf 168 Seiten zu erzählen hätten. Die omnipräsente Mazarine übernimmt erneut das Kommando und lässt in einem Dokumentarfilm noch einmal ihren Vater auferstehen. Einzig der Labrador des Präsidenten weigert sich bislang, seine Meinung über sein Herrchen kundzutun.

Der Fetischismus kennt keine Grenzen. „Le Monde“ unternimmt eine Pilgerreise ins Zimmer Nummer 15 eines kleinen Hotels in Château-Chinon, in dem der große Mann gerne residierte. Die Reporterin beschreibt dort die Daunenbettdecke, die gelben Blumen der Tapete und die wunderbare Aussicht über den Morvan. Gott segne die Zurückhaltung der deutschen Medien, die uns die Tapetenmotive von Kohls Zimmer am Wolfgangsee ersparen. „Ich bin der letzte der großen Präsidenten, der letzte in der Linie de Gaulles.“ Mitterrands Worte, kurz vor seinem Tod. Erneut gibt ihm die Geschichte Recht. Eine Meinungsumfrage der „Libération“ enthüllte kürzlich, dass 35 Prozent der Franzosen Mitterrand für den besten Präsidenten der V. Republik halten. Vor Giscard, vor Chirac – und sogar vor dem mythischen de Gaulle.

Die Götzenverehrung ist unangefochten. Kein Leitartikel, der diesen seltsamen Personenkult, diese groteske Anbetung in Frage stellt. Insbesondere die jungen Linken verehren Mitterrand. Sie haben die Rainbow Warrior vergessen und die Telefon-Affäre, damals, als Mitterrand Journalisten und Rechtsanwälte abhören ließ. Vergessen ist die nie besiegte Arbeitslosigkeit. Vergessen das in Deutschland unvorstellbare monarchistische Gehabe. Vergessen die Schattenbereiche der Vichy-Vergangenheit eines Präsidenten, der 18 Monate lang Beamter unter Pétain war, bevor er in den Widerstand wechselte. Der Hass der 90er Jahre hat sich verflüchtigt. Die Desillusionierung ist verblasst. Es bleibt ein Land in der Krise, das voller Ängste und Zweifel steckt – und sich deshalb einen rettenden Helden erfindet.

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