Meinung : Keine Zeit für Pocken

Terror mit Viren – wie Seuchen verhindert werden können

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Von Alexander S. Kekulé

WAS WISSEN SCHAFFT

Die simulierten Pockenviren wurden auf dem Flughafen von Washington ausgesetzt. Aus präparierten Aktenkoffern versprühten die BioAbwehrspezialisten harmlose Krankheitserreger und untersuchten anschließend deren Verbreitung. Das Resultat war schockierend: Mit echten Pockenviren hätte sich jeder zwölfte Reisende infiziert, binnen weniger Stunden wäre die Seuche im ganzen Land verteilt. In ihrem Bericht an die US-Regierung warnten die Wissenschaftler, dass Pocken für terroristische Anschläge hervorragend geeignet wären. Allerdings dauerte es dann eine Weile, bis die Supermacht im September dieses Jahres mit einem Alarmplan reagierte: Die geheime Sprühaktion fand im Mai 1965 statt.

Auch Deutschland bereitet sich auf einen möglichen Anschlag vor. Im Gegensatz zu Anthrax ist die Verbreitung der Pocken einfach: Ein Dutzend voll infizierter Selbstmordattentäter könnte das Virus an einige tausend Menschen weitergeben. Wenn nach etwa zwei Wochen die ersten Symptome auftreten, wären schon Zehntausende befallen.

Bislang galt es als unwahrscheinlich, dass der Erreger, der allein im 20. Jahrhundert bis zu 500 Millionen Menschen getötet hat, bereits in den Händen von Terroristen ist. Seit der Ausrottung der Pocken im Jahre 1980 gibt es offiziell nur zwei hoch gesicherte Virusvorräte in den USA und in Russland. Anfang dieses Monats schockierte der US-Geheimdienst CIA die Welt jedoch mit der Behauptung, auch Frankreich, Irak und Nordkorea hätten heimlich Viruslager angelegt. Davon abgesehen wird schon länger befürchtet, dass Pockenviren aus dem Biowaffenprogramm der früheren Sowjetunion in falsche Hände geraten sein könnten.

Der fast fertige deutsche Alarmplan sieht im Falle eines Ausbruchs so genannte „Riegelungsimpfungen“ vor, bei denen die Kontaktpersonen der Kranken sowie deren weiteres Umfeld aufgespürt und geimpft werden. Da die Impfung bis zu vier Tage nach der Ansteckung wirkt, kann der Ausbruch einer Epidemie verhindert werden – so die Theorie, die auf Erfahrungen in den 70er Jahren beruht. Über die Wirksamkeit der Riegelungsimpfungen sind sich die Fachleute jetzt uneins. Die im Juli veröffentlichte Simulation eines Ausbruchs in einer US-Großstadt ergab für diese Impftaktik 110000 Todesfälle; dagegen könnte eine Massenimpfung der gesamten Bevölkerung nach einem Anschlag die Zahl der Opfer auf 560 reduzieren. Gegen die Massenimpfung sprechen die schweren Nebenwirkungen (insbesondere Gehirnentzündung), die mit dem veralteten Impfstoff bei etwa einem von 800 Geimpften auftreten und teilweise tödlich enden. An einem Impfstoff mit weniger Nebenwirkungen wird, trotz jahrzehntelanger Warnungen einiger Wissenschaftler, erst seit kurzem intensiv geforscht, eine verträgliche Massenimpfung ist frühestens in fünf Jahren in Sicht.

Während sich die Politik nun hektisch um Pockenimpfstoff bemüht, lernt die nächste Terrorgeneration an Top-Universitäten, wie man gentechnisch veränderte Biowaffen herstellt. Der Nobelpreisträger Joshua Lederberg hatte vor dieser, wesentlich ernsteren Bedrohung bereits in den 70er Jahren gewarnt. Doch bis die Politik darauf reagiert, dürfte es wieder einmal fünf Minuten vor Zwölf sein.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Mikrobiologie an der Universität Halle. Foto: J. Peyer

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