Meinung : Keine Zeit ist Geld

„Die versteckte Volkskrankheit“ und

„Deprimierend“ vom 27. Juli

Die ambulante Versorgung psychisch Kranker in Berlin ist vor allem deshalb in den letzten Jahren so alarmierend schlecht geworden, weil psychiatrische Facharztleistungen dramatisch unterbezahlt werden. Niedergelassene Psychiater erhalten für Gespräche mit ihren Patienten so wenig Geld, dass sie nur eine Möglichkeit haben, den wirtschaftlichen Untergang ihrer Praxen zu verhindern: Sie müssen möglichst viele psychiatrische Patienten möglichst kurz und möglichst nur einmal im Quartal sehen. Denn jedes längere Gespräch und jeder Wiederholungstermin im Quartal bedeuten bei der aktuellen Honorarverteilung eine finanzielle Einbuße. Viele Psychiater, die diesen Beruf einst gewählt haben, um psychisch kranken Menschen zu helfen, mussten bereits oder müssen bald ihre Praxen aufgeben, weil sie nicht große Patientenzahlen im Zehn-Minuten-Takt abfertigen wollen und können. Wenn keine Zeit bleibt zum verstehenden Zuhören, zum allmählichen Wachsen einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung, kann eine nachhaltige Behandlung psychischer Störungen nicht gelingen. Wer vermeintlich ökonomisch an der Honorierung psychiatrischer Gesprächsleistungen spart, darf sich über hohe Rückfallraten bei depressiven Erkrankungen nicht wundern.

Ähnliches gilt übrigens für die stationäre Versorgung. Solange es für Krankenhäuser lukrativer ist, ihre Patienten möglichst schnell zu entlassen und sie öfter wieder aufzunehmen, anstatt ihnen einen längeren Zeitraum für eine fundierte Behandlung einzuräumen, wird die geschilderte Fehlentwicklung weiter- gehen.

Dr. med. Ursula Bartholomew-Günther, Dr. med. Sonja Süß,

Dr. med. Ingrid Weißenborn,

Gaby Weuthen,

Ärztinnen für Psychiatrie und

Psychotherapie, Berlin

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