Meinung : Keiner will verhandeln

Die Außenminister reisen nach Nahost. Doch die Zeit für Diplomatie ist noch nicht gekommen.

Charles A. Landsmann

Die vielen Außenminister geben sich seit Sonntag in Jerusalem und umliegenden den arabischen Hauptstädten die Klinken in die Hand. Ob Frank- Walter Steinmeier, Philippe Douste-Blazy aus Frankreich, der Brite Kim Howells oder auch Condoleezza Rice aus Washington: Einen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah werden sie diese Woche nicht aushandeln, und einige von ihnen, insbesondere Rice, wollen ihn auch gar nicht zustande bringen.

Die Kämpfe, Bombardements und der Raketenbeschuss werden demnach insgesamt mindestens drei Wochen dauern, bis die ausländischen Politiker den Kriegern auf beiden Seiten Einhalt gebieten. Die unschuldige Zivilbevölkerung in Libanon, insbesondere im grenznahen Landessüden, und die in Nordisrael, vor allem in Galiläa, muss noch mindestens eine Woche bis zehn Tage warten, bis sie ihre Flucht abbrechen oder aus den Schutzräumen wieder herauskommen kann. Im Südlibanon hat man sogar bereits damit begonnen, die Toten in Massengräbern zu bestatten.

Für George W. Bush und Condoleezza ist Israels Kampf gegen die Hisbollah nur eine Schlacht in ihrem Krieg gegen den weltweiten Terror, in diesem Fall gegen die „Achse des Bösen“ Iran-Syrien-Hisbollah. Kein Grund also für die Schutzmacht USA, Israel zu stoppen, solange es die „Dreckarbeit“ macht und zumindest seine Minimalziele noch nicht erreicht hat. Rice reist diese Woche auch nicht in die Krisenregion, um Frieden zu schließen, nicht einmal um einen Waffenstillstand auszuhandeln, sondern nur um bestenfalls eine Lageberuhigung zu erreichen und um Präsenz zu zeigen. Sie will die Grundlage für die Vermittlungsmission in der nächsten Woche schaffen.

Aber auch die beiden Kriegsparteien selbst haben derzeit gar kein Interesse daran, die Kämpfe einzustellen. Hisbollah beweist dies mit dem erneut heftigen, sich gar ausweitenden Raketenbeschuss auf zivile Ziele in Israel. Jetzt, wo man bei Kämpfen am Boden endlich dem Feind auf dem erwünschten Schlachtfeld gegenübersteht und ihm erhebliche Verluste beibringen kann – und dabei die schweren eigenen lächelnd wegsteckt –, will Scheich Nasrallah die Chance nutzen. Und auch die iranischen Drahtzieher wollen die Hisbollah-Krieger bis zum letzten kämpfen lassen.

Israel hat an diesem Wochenende in Diskussionen der Politiker, Ex-Militärs und der Bürger selbstkritisch festgestellt, dass man die eigene Armee überschätzt hatte, vor allem aber der militärische Nachrichtendienst wieder einmal versagt zu haben scheint. Wer nicht einmal die öffentliche TV-Station des Gegners ausfindig machen kann, der kann auch kaum mit Angaben über dessen riesiges Raketenarsenal aufwarten. Es gilt für Israel also nicht nur die Hisbollah auszuschalten – oder wenigstens zurückzudrängen – und die Freilassung der zwei entführten Soldaten zu erzwingen, sondern auch darum, eine schmerzliche Scharte auszuwetzen. Nur wird das niemand an verantwortlicher Stelle offen zugeben.

Noch mindestens eine Woche Krieg steht bevor. Eher noch mehr, denn erst einmal müssen die Verhandlungen richtig anlaufen. Und nicht nur wie, die wir im Moment erleben: Diplomatie zwar auf Hochtouren, aber meist im Leerlauf.

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