Meinung : Kinder kriegen ist nicht schwer Eltern sein dagegen – Anmerkungen zum Fall Kevin

Robert Leicht

Wem gefröre nicht das Blut in den Adern, wenn er die Meldungen über Kleinkinder liest, die durch Vater- oder Mutterhand zu Tode kommen? Gestern Denis, heute Kevin – und morgen? Wie ist das überhaupt möglich, dass ausgerechnet Eltern zu Todfeinden ihrer Kinder werden, wo es doch die „natürlichste Sache“ der Welt ist, dass Mütter und Väter ihren Nachkommen alle Fürsorge zukommen lassen? Wie können die elementarsten Instinkte so grässlich versagen?

Ich fürchte, wenn wir so fragen, sitzen wir einer manifesten Illusion auf. Die menschliche „Brutpflege“ war und ist niemals eine fraglose Naturtatsache, sondern eine überaus komplizierte soziale Angelegenheit, in der vieles erfahren und erlernt werden muss, damit die Sache nicht schiefgeht.

Man muss ja nur flüchtig in Philippe Aries „Geschichte der Kindheit“ oder Elisabeth Badinters Buch „Die Mutterliebe“ schauen, um den gewissermaßen kindlichen Glauben an die schon von Natur und seit Ewigkeiten wohlgeordnete Eltern-Kind-Beziehung zu verlieren. Einer meiner frühen Staatsrechtslehrer meinte sarkastisch, die Formulierung des Artikels 6 im Grundgesetz sei redaktionell misslungen. Statt der Worte „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern …“ müsse dort eigentlich stehen: „… sind das Recht der natürlichen Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ Er wollte uns pointiert darauf hinweisen, dass außer der Zeugung und Geburt an diesem Geschehen nichts natürlich ist, sondern alles gesellschaftlich, moralisch und rechtlich konstituiert wird.

Seitdem durch Empfängnisverhütung einerseits, durch künstliche Fortpflanzungstechniken andererseits selbst das Kinderkriegen von einer Frage des blinden Schicksals zu einer planbaren Entscheidung wurde, verschoben sich Kind- und Elternschaft noch weiter von der vermeintlichen Naturtatsache zu einem sozial bedingten Geschehen. Aber je stärker ein Verhältnis sozial bedingt ist, desto verletzlicher wird es. Das ist der Grund dafür, dass dem zitierten Satz im Artikel 6 GG über die Pflege und Erziehung der Kinder die Feststellung folgt: „Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ Die Väter und Mütter des Grundgesetzes wussten noch deutlicher als manche ihrer politischen Kinder, dass man das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern nicht einfach sich selbst, der vermeintlich sicheren Natur und den unmittelbar Beteiligten überlassen darf.

Im Falle des Bremer Kindermordes hat die „staatliche Gemeinschaft“ offenkundig nicht gewacht, sondern versagt, Aber wenn man einmal von diesem schrecklichen Einzelschicksal auf das Ganze sieht: Zwar gab es auch in früheren Gesellschaften grausame Kinderschicksale vom Kindsmord (siehe Faust, der Tragödie erster Teil) bis zur Kinderarbeit in den Bergwerken. Aber haben wir auf unserer Wohlstandsinsel den zeitgeschichtlich mächtigen Individualisierungsschub, die Konsum- und Leistungserwartungen sowie die Freizeit-, Unterhaltungs- und Selbstverwirklichungsbedürfnisse der Erwachsenen schon so verarbeitet, dass Kinder wirklich zu ihren Rechten kommen?

Der physische Mord an kleinen Kindern schockiert uns im Einzelfall, zu Recht! Aber die massenhafte Schädigung der Kinderseelen aufgrund ihrer Vernachlässigung seitens vieler Eltern, durch Erziehungsverweigerung und durch die Abtretung der Elementarkommunikation an Fernsehen und Computerspiel – dies alles lässt uns, zu Unrecht, ziemlich gleichgültig. Wenn es aber stimmt, dass vorwiegend Väter und Mütter, die als Kinder Fürsorge positiv erfahren und familiäres Zusammenspiel am Vorbild erlernt haben, ihrer Elternrolle einigermaßen gewachsen sein können, dann stehen uns die krassesten Erfahrungen mit gründlich misslungenen Eltern-Kind-Beziehungen erst noch bevor – in der kommenden Generation.

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