Kinderarmut in Deutschland : Milch und Zuckertüten Von Ursula Weidenfeld

Wer würde einem Kind ein Glas Milch, das Mittagessen, die Süßigkeit zur Einschulung verwehren? Niemand. Eine Wohlstandsgesellschaft wie die deutsche muss über den Einzelfall hinaus garantieren, dass Kinder nicht hungern oder sich wegen der Armut ihrer Eltern ausgeschlossen fühlen. Dass sie das offensichtlich in der Vergangenheit nicht hinreichend tat, muss korrigiert werden. Aber wie? Die Kanzlerin und ihre Minister wollen sich bei der Kabinettsklausur in der kommenden Woche des Themas annehmen. Gestritten wird, ob man Sach- oder Geldleistungen ausgeben sollte.

Betrachtet man das Gesamtbudget armer Familien in Deutschland, so kommt – auch verglichen mit anderen Wohlstandsgesellschaften – ein garantiertes Existenzminimum zusammen, das nicht üppig, aber ausreichend ist. Dass der Einzelposten Lebensmittel in den Sozialtransfers für nahezu alle Bedürftigen zu niedrig angesetzt ist, wird von Sozialpolitikern seit langem zu Recht beklagt. Das Gesamtbudget aber ist so ausgestattet, dass ein schlecht bezahlter Alleinverdiener in einer vergleichbaren Familie lange schuften muss, um dasselbe zu erzielen. Es kann niemanden zufrieden machen, davon leben zu müssen. Schon gar nicht die Kinder, die nicht wählen können, wie und wo sie aufwachsen.

Dennoch: Wer fürchtet, dass Eltern ihre Kinder vernachlässigen oder ihnen Essen vorenthalten, muss ihnen das Jugendamt auf den Hals schicken. Wer möchte, dass alle Kinder regelmäßig und gesund essen, muss den Armen von ihnen kostenloses Schulessen geben. Wer aber will, dass das Elend wenigstens in der nächsten Generation ein Ende nimmt, muss etwas anderes geben: den Eltern Arbeit und den Kindern Bildung.

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