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Kinderbetreuung : Das Kindeswohl sollte uns wichtiger sein als der Arbeitsmarkt

27.12.2012 16:04 Uhrvon

Eltern und Erzieher wissen, wie unglücklich kleine Kinder sein können, die mit zehn, zwölf oder 18 Monaten in die Krippe gebracht werden. Die Warnungen aber werden ignoriert: Das Wohl des Arbeitsmarktes ist uns wichtiger als das Kindeswohl - leider.

Kognitive Fähigkeiten sind besser, je länger Kinder daheim bleiben

Meistens wollten wir zwar die Kinder, aber sind sie einmal da, können wir sie neuerdings gar nicht schnell genug entsorgen. „Wenn wir die Kinder kriegen, haben wir auch die Verpflichtung, uns um sie zu kümmern, egal wie langweilig oder ermüdend das ist“, schrieb vor einigen Jahren Danielle Crittenden, die Gründerin von „The Women’s Quarterly“. Derlei „ermüdendes Kümmern“, das allein dem Kindeswohl dient, endet nicht mit dem Abitur, sondern irgendwann zwischen dem 18. Monat und dem dritten Geburtstag. Menschenkinder kommen nun mal nicht im Wurf auf die Welt, sondern im Normalfall als Einzelwesen. Sie brauchen die Eins-zu- Eins-Pflege, um sich irgendwann fest gebunden, mit Wurzeln und Flügeln versehen, in die Welt aufzumachen. Gute Bindung ist freilich kein Klassenziel, das mit der Stoppuhr erreicht wird.

Mit anderen Worten: Nicht der Wiedereintritt in die Arbeitswelt, sondern die Sorge um die Kleinkinder sollte unsere Planung bestimmen. Gegenwärtig sollen sich aber hauptsächlich die Kleinsten an unsere Arbeitswünsche anpassen, Schmerz hin oder her. Eine verkehrte Welt!

Bruno Bettelheim hat einst gegen die Kibbuz-Erziehung, die weiland radikalste Mutter-Kind-Trennung von der Geburt an, geschrieben. Fazit: Aus den Kibuzzniks werden gute, aber bindungsscheue Offiziere. Die größte, methodisch aufwendige Langzeitstudie über Fremdbetreuung von Kleinkindern, die NICHD-Studie des „National Institute of Child Health & Human Development“, hat gravierende Verhaltensprobleme insbesondere bei Jungen festgestellt, wenn sie zu viel Zeit in der Krippe verbrachten. Nie mehr als 30 Stunden in der Woche sollten die Kleinkinder jenseits mütterlicher/häuslicher Pflege verbringen, lautete die dringende Empfehlung. Und so bestätigt die Stanford-Studie „How much is too much“, dass die kognitiven Fähigkeiten am größten sind, wenn die Kinder zwischen zwei und drei in die Krippe kommen. Dagegen ist die soziale Entwicklung desto langsamer, je früher und länger ein Kind in die Krippe geht. Heute hat manches Kleinkind schon ab dem achten Monat einen längeren „Arbeitstag“ als die Mutter, weil es vor deren Arbeitsbeginn abgeliefert und nach Arbeitsschluss erst abgeholt wird – weit mehr als die maximal 30 Stunden, die die Forscher für zumutbar halten.

Christine Brinck ist Erziehungswissenschaftlerin und Journalistin.Bild vergrößern
Christine Brinck ist Erziehungswissenschaftlerin und Journalistin. - Foto: privat

Experimente an Kindern sind unethisch. Für gewöhnlich macht man deshalb Experimente mit Mäusen oder Strauchratten. Aus derlei Forschung wissen wir, dass schon eine täglich nur einstündige Trennung von den Müttern bei Strauchrattenkindern gravierende Veränderungen im gesamten Stresssystem nach sich ziehen, die lebenslang aufrechterhalten bleiben. Babys und Kleinkinder – komplexere Wesen – dürften nicht weniger komplizierte Reaktionen auf Trennung zeigen.

Wäre das Kindeswohl nicht nur gut für Sonntagsreden (und Beschneidungen), dann würden sich die Wirtschaft und die Politik die Studien und Warnungen der Entwicklungspsychologen und Bindungsforscher zu Eigen machen. Stattdessen werden Boni für früher zurückkehrende Mütter ausgelobt. „Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf!“ ist die falsche Devise. Es müsste heißen: „Es geht um das Kindeswohl, Ihr Blöden!“

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