Kindergelderhöhung : Kohle für die Playstation

Warum die aktuelle Kindergelderhöhung ein gewaltiger Unfug ist. Es muss in die Kinder sozial benachteiligter Familien investiert werden. Allerdings wird Geld nicht den Kindern zu gute kommen, sondern dem Konsumwahn ihrer Eltern zum Opfer fallen.

Caroline Fetscher

Alle Politiker machen sich derzeit Gedanken zur Lage der „Menschen draußen im Lande“, wie ein langjähriger deutscher Kanzler gern sagte. Nicht nur die Kleinsparer gilt es zu beruhigen, auch die Zukunft der Kleinsten im Lande, der Kinder, zählt. Zehn Euro mehr Kindergeld pro Monat wurden eben beschlossen. Den Familien draußen im Lande fehlt es, drinnen in ihrer Wohnung, an Bildung und guter Ernährung. Das ist ein Skandal. Klingelt jedoch Staatsgeld in den Kassen armer Eltern, könnten sie für all das sorgen: Bilderbücher und Vorlesen, sinnvolle Spielsachen, Klavierstunden, Sportverein, Mathenachhilfe, vitaminreiche Kost.

An dieser Überlegung ist eines richtig: All solche Förderung sollen die Kinder aus bildungsfernen Milieus erhalten, soviel davon, wie irgend möglich. Wen es nicht glühend wütend macht, dass Millionen Kinder ohne solche Anregung aufwachsen, vor dem sollte man sich hüten. Aber der zweite Teil der Überlegung ist nachgerade destruktiv. Kaum ein Cent, den arme Haushalte per Transferleistung erhalten, wird jemals auf dem gewünschten Sektor (Bildung!) investiert. In wirkliche Wohnungen draußen im Lande blicken Staatsvertreter offenbar so wenig hinein, wie Bankexperten durch die Finanzkrise durchblicken.

In diesen Haushalten, ganz gleich, ob im deutschen oder im migrantischen Transfermilieu, flimmern neue Fernsehbildschirme, die Sofagarnitur ist tipptopp, der DVD-Recorder funktioniert, Actionfilme stapeln sich, jeder hat ein Mobiltelefon und eine Playstation, fettes Essen kommt auf den Tisch, Bier und Zigaretten sowieso – nichts fehlt. Nichts in den Augen der Bewohner. Nur fehlen eben all die auf der guten Wunschliste aufgeführten Dinge, ja, es fehlt das Bestreben, sie überhaupt zu erlangen, das Bewusstsein für den Wert, den sie bedeuten. Mit klarem Kalkül wendet sich die Werbung für Unterhaltungselektronik an die Unterschicht. Ärmere Mütter oder Väter, die aus Bildungshaushalten stammen – und solche gibt es auch – besorgen in Leihbüchereien Stoff zum Vorlesen, nutzen die Familientage der Museen und die Angebote von Jugendmusikschulen, sie wissen, dass zu viel Fernsehen nicht klüger macht, dass Äpfel gesund sind und miteinander sprechen wichtig ist.

Das reale Elend ist die Uninformiertheit bildungsferner Eltern, die abzuschaffen kein Geld der Welt hilft, solange man es direkt in ihre Taschen und damit indirekt zu Media-Markt schaufelt. Das Fördern der Kinder einkommensschwacher Eltern bedeutet: Verpflichtende Angebote für Musik, Lesen, Sport, Nachhilfe an den Schulen, Gutscheine, nicht Geld, für Krippen und Kindergärten. Spezielle Programme von Leihbüchereien, Museen, Theatern. Und vor allem: Ganztagsschulen. Jede Minute, die diese Kinder nicht im wortkargen Konsumkosmos ihrer elterlichen Fernsehhaushalte verbringen, ist unbezahlbar. Kostbar ist hingegen das Kapital im Kopf der Kleinen, niemand kann es pfänden, es trägt ein Leben lang Zinsen – für das Kind und die Gesellschaft. Ohne massive Förderung wird das Prekariat weiter Nichtwählerbastionen oder Fundamentalisten hervorbringen. Dann sollte sich keiner wundern.

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