Kinderstudie : Der Stress der Kleinen

Immer mehr Kinder im Alter zwischen neun und 14 Jahren leiden unter Stresssymptomen. DOch was sind die Konsequenzen? Wieder alles neu denken? Tagesspiegel-Redakteur Armin Lehmann rät zu Gelassenheit.

Armin Lehmann

Dumm, dick und depressiv sind viele unserer Kinder. Das ist zwar ein bisschen zugespitzt, aber im Prinzip läuft die jüngste deutsche Studie zusammengenommen mit älteren darauf hinaus. Das wird die Deutschen wieder mal aufschrecken, und sie werden fragen, was kann man tun? Selbsthilfegruppen für Neunjährige, anonyme Telefonseelsorge per SMS oder doch zum Arzt? Ja, helfen denn keine Pillen? Die Studie liefert jede Menge Stoff für Alarmismus und Aktionismus. Aber zum Wundern taugt sie nicht.

Hatten wir nicht festgestellt, dass unsere Kinder mehr lernen müssen, möglichst schon in der Krippe, haben wir nicht die Ganztagsschulen forciert, damit die Kinder auch lange fremdbetreut und die Hausarbeiten schon dort erledigt werden? Haben wir nicht aus Pisa gelernt und die Zeit für das Abitur auf zwölf Jahre verkürzt, haben wir nicht verlangt, dass schneller und effektiver studiert werden muss, damit wir im internationalen Vergleich nicht mehr hinterherhinken?

Und jetzt stellen wir fest, dass der Tag 24 Stunden hat und immer mehr Kinder, und zwar schon im Alter zwischen neun und 14 Jahren, unter Stresssymptomen leiden. Jeder Kinderarzt kann diesen Befund in Berlin bestätigen – und man sollte ihn ernst nehmen. Allerdings entsteht der Stress, den viele Kinder empfinden, nicht nur durch zu viel Belastung und Leistungsdruck. Viele tun, im Gegenteil, entweder gar nichts und ernähren sich falsch oder sie tun das Falsche (Glotze oder Computer).

Vereinfachend kann man wohl sagen, dass in bildungsfernen Schichten eher fehlende Herausforderungen und Unzufriedenheit die Bauchschmerzen verursachen, die die Studie konstatiert, während in bürgerlichen Milieus oft zu viele Belastungen die Ursache für den gefühlten Stress sind. Und die Konsequenzen? Eine neue Debatte über das Recht, Kind sein zu dürfen, wie es der „Stern“ kürzlich forderte? Mal wieder alles infrage stellen, eine Disziplin, in der die Deutschen sehr gut sind?

Vielleicht ist Gelassenheit ratsamer und ein bisschen mehr gesunder Menschenverstand. Neunjährige mit Fernseher im Zimmer, das kann nicht wirklich gut sein. Neunjährige, denen die Eltern neben der Schule drei zeitaufwändige Hobbys verordnen, haben vermutlich auch wenig Spaß am Tag und bekommen Kopfschmerzen. Eine Gesellschaft, die verlernt hat, auch Muße und Geduld vorzuleben, sollte nicht auch noch ihre Kinder stressen.

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