Kindesmissbrauch : Aufstand der Ungeschützten

Kindesmissbrauch ist weder links noch rechts – sondern alt. Neu ist ein Blick darauf, der Opfern endlich das Sprechen gestattet.

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Milieu 1. An der Odenwaldschule in Hessen haben sie damals gesungen: „Herr Be-he-cker, Herr Be-he-cker findet kleine Jungen le-he-cker.“ Das hört die heutige Schulleiterin, und mit dem Lied gemeint war der Leiter der Schule, von 1971 bis 1985 im Amt. Jungen, die mit dem Mann das Bett teilten, heißt es, durften seinen Kleinbus benutzen oder sie bekamen einen Kassettenrekorder geschenkt. Gemeinsames Duschen mit Kindern scheint bei einigen Odenwald-Erziehern beliebt gewesen zu sein, wer sich genierte, galt als „spießig“. Wer dennoch den Mut aufbrachte, sich beim Schulleiter zu beschweren, der habe etwas Vages über die „alten Griechen“ erfahren, bei denen Leib wie Seele zum pädagogischen Eros gehörten.

Von solchem Eros an den renommierten deutschen Landerziehungsheimen, zu denen die Odenwaldschule gehört, war schon 1929 in dem schwülstigen Roman „Kampf um Odilienberg“ die Rede, der verschwitzte, von Sehnsucht und Eifersucht aufgeladene Beziehungen zwischen Lehrern und Jungen zu romantischen Affekten verklärte. Inspiriert worden war der Autor angeblich durch eben die Odenwaldschule, die im April ihr hundertjähriges Jubiläum feiert.

Milieu 2. Am katholischen Canisius-Kolleg in Berlin fand der pädagogische Eros andere Ausdrucksformen. Weit davon entfernt, Sexualität anhand antiker oder reformpädagogischer Quellen zu überhöhen, verhörten Patres die Gymnasiasten dort in privater Inquisition zu deren Selbstbefriedigung und sexuellen Fantasien, zogen Kinder aus – und befriedigten sich an diesen Taten. So jedenfalls berichten Betroffene.

An Orten wie dem renommierten bayerischen Kloster Ettal verschafften sich Präfekten durch enthemmte Körperstrafen an Kindern sadistische Machtlust, unlängst entschuldigte sich ein Klosterbruder vor laufenden Kameras, er müsse zu seiner „Schande gestehen“, dass auch er auf Kinder „brutal“ eingeschlagen habe. Es tue ihnen leid, erklären die Täter, soweit sie sich äußern. Sie schämten sich, sie konnten nicht ahnen, wie „sowas“ wirkt auf Kinder, sie hätten von Kinderpsychologie keinen Schimmer gehabt. Indes beschied Daniel Cohn-Bendit der „Zeit“, sein Bericht von 1975, wonach ihm als Betreuer im Kinderladen die Kleinen in den Hosenlatz fassen durften, sei nur eine „Provokation“ gewesen, „schlechte Literatur“. Ob er sich das selber glaubt? Im Umfeld beider Milieus geben Pädagogen zu Protokoll, sie hätten von den Tätern nichts gewusst, nie etwas bemerkt. Oder, wie ein Kleriker sagte: „Es wurde nicht gesprochen über solche Dinge.“

Jetzt wird gesprochen. Mit dem Fall Canisius war ein Schweigekartell gebrochen, nachdem am 28. Januar 2010 ein Brief des heutigen Schulleiters an ehemalige Schüler öffentlich wurde. Es kann sein, dass der Tag zum historischen Datum wird. Von dem Tag an geriet das gesamte Land in Aufruhr, eine gigantische Schleuse hatte sich geöffnet, der lange unterdrückte Aufstand der Ungeschützten setzte ein. Aus allen Winkeln der Republik quellen täglich neue Meldungen zu Fällen von Missbrauch und Misshandlungen an Internaten, auf Tagesschulen, in sozialen Einrichtungen.

„Öffentlichkeit hilft gegen ungewollte Intimität“, kommentierte ein erleichtertes Opfer des Odenwalddirektors das Geschehen. Vorerst ist es notgedrungen eine hektische Öffentlichkeit, eine nahezu panisch aufgescheuchte. Gläubige und Nichtgläubige, progressive und konservative Erwachsene werfen einander Beschuldigungen und Spekulationen über Ursachen an die Köpfe, in Talkshows kam es zu Brüllduellen und Drohungen.

Am 27. März will der Vorstand der reformpädagogischen Odenwaldschule geschlossen zurücktreten. Am 23. April soll ein staatlich organisierter Runder Tisch zum Thema Kindesmissbrauch tagen. Der Vatikan begrüßt das Projekt, das ökumenische Netzwerk „Initiative Kirche von unten“ bezichtigt es der „Aufklärungsvermeidung“, die deutsche Bischofskonferenz streitet indes über „Maßnahmen“ wie Entschädigungen. Von abwehrend bürokratischer Terminologie bis zu emotional überschießendem Vokabular ist alles zu hören. Doch diese Debatte könnte ein Glücksfall werden für die Gesellschaft. Sie könnte den gordischen Knoten der Ideologien zerschneiden und eine Umwälzung auslösen, die tiefgreifender wirkt, als manche Szene-Ideologie oder fromme Lehreinheit „Sexualkunde“ im Curriculum sich das bisher dachte – und eventuell wünschte.

Um wen geht es? Groß ist die betroffene Bevölkerungsgruppe, klein die physische Statur ihrer Mitglieder. Sie sind körperlich unreif und schwach, sie bilden keine Lobby, haben keine Sprecher, sie gehen nicht wählen, dienen nicht in der Armee, leisten keine Erwerbsarbeit und zahlen keine Steuern. Trotzdem beanspruchen sie Zeit, Ausgaben und Mühe: Kinder.

Kinder sind für Regierungen im Prinzip uninteressant, für Angehörige und Betreuer oft lästig. Mit Kindern als politischen Subjekten, als Rechtsträgern hat sich bisher keine Epoche der Menschheit jemals jenseits erwachsener Eigeninteressen („die zahlen später unsere Rente“) auseinandergesetzt. Gewalt gegen Kinder war historisch immer die Regel, nie die Ausnahme. Der Raum der Straffreiheit war und ist hier von unübersehbarer Weite. Die Geschichte der Kindheit kennt kaum eine Foltermethode, kaum eine Perfidie, die nicht an Kindern begangen wurde, bis hin zur modernsten Hightech-Variante, der Produktion und Ausstellung von brutaler Kinderpornografie, sogar mit Säuglingen, für das Internet.

Am Kind lässt sich am leichtesten abreagieren, was die Welt aus Frustrationen, Hierarchien und Demütigungen Erwachsenen zumutet, und Begriffe wie „Prügelknabe“ oder „Lustknabe“ zeugen von dieser Sündenbock- und Ventilfunktion der Kinder. Als Teil seines Hausstandes gehörten Frau, Gesinde, Vieh und Kind über Jahrhunderte zum dinglichen Besitz des Patriarchen. Und während sich der Patriarch an allen schadlos halten konnte, blieb der Frau nur der Nachwuchs. Mütter, Frauen als Täterinnen waren und sind ebenso die Regel – und noch mehr Tabu. Im Zentrum erwachsenen Interesses stand im Lauf der Geschichte nur selten, etwa bei einer Elitefamilie wie den Humboldts, die glückliche Entfaltung des Kindes.

Erasmus von Rotterdam wunderte sich 1550, dass Leute „die größte Sorgfalt auf den Ackerbau und Häuserbau, auf die Pflege ihrer Pferde verwenden, und dafür auch den Rat kluger und durch Erfahrung einsichtiger Männer einholen – sich aber um die Erziehung ihrer Kinder, um derentwillen man doch alles Übrige erwirbt, so wenig kümmern, dass sie weder mit sich selbst darüber zu Rate gehen noch die Meinung verständiger Männer nachsuchen“. Seine Diagnose trifft teils bis heute und auf die gesamte Gesellschaft zu. In Kinderschutz, in die Erforschung der psychischen Entwicklung von Kindern oder das Verstehen und Therapieren von Traumata investieren wir einen Bruchteil dessen, was etwa allein das Budget der Europäischen Raumfahrtorganisation für 2010 mit seinen 3 744 Millionen Euro ausmacht.

Nur sukzessive haben Gesellschaften traditionelle Gewaltverhältnisse infrage gestellt. 1866 gründete sich die erste Gesellschaft gegen Tierquälerei in New York, um die Jahrhundertwende vertraten solche Gruppen in England und Amerika gelegentlich auch die Interessen misshandelter Kinder, ehe sich eigene Kinderschutzvereine gründeten. Den in Deutschland entstandenen löste das NS-Regime 1940 auf, 1953 übernahm der Deutsche Kinderschutzbund seine Nachfolge. Bis in die siebziger Jahre hinein war bei uns an Schulen die Prügelstrafe legal, in Elternhäusern war sie es bis Dezember 2000. Seither gehört Deutschland zu den weltweit 25 von 193 Staaten, deren Gesetzgeber Kinder vor jeder Gewalt in Schutz nehmen.

Doch das Gesetz ist oft noch Papier, unter anderem, weil Behörden, Ämter und Justiz sich schwer tun, die Paragrafen tatsächlich anzuwenden. So scheut man sich häufig, etwa gegen „traditionelle Gewalt“ in Migrantenfamilien durchzugreifen – das Decken von Straftätern geht weiter. Doch gewalttätige Parallelstrukturen ignoriert nur, wer sich vom Prinzip Gewalt insgeheim noch nicht verabschiedet hat.

Auch heute ist der Haupttatort nach wie vor weder im Odenwald noch in Ettal zu suchen, sondern in den Millionen Familien aller Milieus. 2008 wurde in Deutschland 16 000 mal Kindesmissbrauch angezeigt – ein Bruchteil der Taten. Groteskerweise sprechen Jugendämter gern von „hilflosen Eltern“ und Kindern, „denen man Grenzen setzen muss“ – als müsse man nicht den Tätern ihre Grenzen aufweisen, als seien nicht deren Opfer die Hilflosen. In Industrieländern wie Deutschland erleben laut der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ (Volume 373, Issue 9657, 3. Januar 2009) in ihrer Kindheit fünf bis zehn Prozent aller Mädchen sowie rund fünf Prozent der Jungen penetrierenden sexuellen Missbrauch, andere Formen sexuellen Missbrauchs betreffen sogar bis zu 30 Prozent aller Kinder. Fast fünfzig Prozent der Kinder mit migrantischem Hintergrund in Deutschland gaben bei Umfragen an, im Elternhaus physische Gewalt zu erfahren.

Immer noch gilt „Familie“, ob bewusst oder unbewusst, in unserer Gesellschaft als ein partiell rechtsfreier oder eigengesetzlicher Raum. Solches „Familienfeeling“ machen sich auch die Täter in Institutionen wie Heimen und Internaten zunutze, in denen Missbrauch endemisch gedeihen konnte. „Familien“ nennen sich die Wohngruppen an der Odenwaldschule, als eine „große, geistliche Familie“ bezeichnen sich die Kirchen gern – und verraten damit auch ihre unbewusste Verstrickung in genau die Institution, in der achtzig bis neunzig Prozent allen Missbrauchs und aller Gewalt gegen Kinder geschieht, die Familie, die engste, am wenigsten öffentlich kontrollierte Umgebung von Kindern.

Erwiesen ist auch, dass Opfer aus Familien am ehesten Opfer von Übergriffen in Institutionen werden. Viele der „Spiele“ scheinen harmlos, etwa die Mutter, Arztfrau, die in einem der Autorin bekannten Fall ihrem Achtjährigen beim Baden das Glied rieb und dazu erklärte, „dein Schwänzchen gehört ganz allein der Mama“. Oder der keuchende Vater, der seiner Zwölfjährigen unter das Sommerkleid greift und danach flüstert: „Das ist jetzt unser großes Geheimnis.“ In allen Fällen stehen die Kinder unter dem Druck einer mafiösen, stillen Verabredung. Sie stehen Todesängste aus bei der Vorstellung, ausgerechnet die Erwachsenen zu verraten, von denen sie seelisch und materiell am stärksten abhängig sind.

Erwachsene als Täter zu erkennen, bedeutet für die kindliche Psyche die reale Gefahr, Nähe, Obdach und Nahrung zu verlieren. Daher, das ist die fatale Konsequenz, von der die Täter zehren, nehmen die Opfer lieber die Schuld auf sich. Vom Wunsch nach einer elterlichen Instanz, die niemals verloren gehen kann, spricht unsere Sehnsucht nach einem Vater im Himmel, der es gut meint mit seinen Kindern. Werden dessen irdische Stellvertreter zu Tätern, bricht die letzte Illusion des Schutzes ein. Das, und kein statistischer Unterschied, löst die besondere Empörung angesichts von Klerikern aus, die sich kriminell an Kindern vergehen.

Was wir als Kinder erlebt haben, fällt großenteils der sogenannten Kindheitsamnesie anheim. Es wird „vergessen“ – auch darum, weil Kindheit bisher in der Geschichte der Menschheit zu unerträglich gewesen ist. Auch die Kindheitsamnesie macht es Erwachsenen so schwer, Kindern mit Empathie zu begegnen. Dazu gesellt sich oft der Lustneid, der schiere Genussneid angesichts unverbogener, lebensfreudiger Menschenkinder. Dieses kleine Ding genießt etwas, was ich nie kannte! empfinden Mutter, Vater, Mönch, Nonne, Erzieher, Kindergärtnerin. Davon darf ich auch was haben! meint der linke Missbraucher. Das muss ich bekämpfen! findet der autoritär-traditionelle Misshandler.

Beide Positionen sind Produkte einer historischen Fehlentwicklung, die wir vielleicht jetzt anfangen klarer zu sehen – und jedes Kind, auch das kleinste, in Kitas und Schulen das selbsterhaltende „Nein!“ lehren können.

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