Kindstötungen : "Das habe ich mir wegmachen lassen"

Wolfgang Böhmers Anstoß zur Debatte um Kindstötungen ist richtig, sagt Richard Schröder, Professor für Theologie an der Humboldt-Universität.

Richard Schröder

Bis zu Rücktrittsforderungen geht die Empörung über die Äußerung von Ministerpräsident Böhmer, die sehr viel höhere Zahl von Kindstötungen im Osten habe mit einem geringeren Respekt vor den Ungeborenen zu tun, der eine DDR-Erbschaft sei. Er habe die ostdeutschen Frauen beleidigt, heißt es. Wolfgang Böhmer war in der DDR Gynäkologe. Er hat einmal mit mir über seine diesbezüglichen Erfahrungen gesprochen. Er hatte nämlich auch Fälle von Kindstötungen zu begutachten (die natürlich in der DDR strafbar war) und deshalb mit solchen Müttern gesprochen. Und da hat er eben auch die Begründung gehört: Warum soll ich es ausbaden, dass der Arzt die Schwangerschaft nicht festgestellt hat? Soll heißen: Er ist dran schuld, dass ich das Kind nicht legal losgeworden bin, das habe ich nun nachgeholt. Nun kann man einwenden: Aber so haben doch nicht alle Frauen in der DDR gedacht. Selbstverständlich nicht. Was der Erklärung bedarf, ist eine statistische Tatsache, die nur eine verschwindende Minderheit betrifft. Aber die Tatsache besagt eben, dass die im ganzen sehr seltene Tötung Neugeborener im Osten deutlich häufiger vorkommt als im Westen. Zahlen aus der DDR habe ich nicht auftreiben können. Ich weiß auch nicht, ob die Wendung: "das Kind habe ich mir wegmachen lassen" im Westen genauso verbreitet ist wie im Osten.

Der Respekt vor den Ungeborenen spielte jedenfalls bei den Funktionären der DDR tatsächlich keine große Rolle. Ich kenne den Fall, dass Sportfunktionäre einer Spitzensportlerin zur Abtreibung geraten, damit sie an den Wettkämpfen teilnehmen und für die DDR eine Medaille holen kann. Sie ist dem gefolgt. Der Mann hat sich daraufhin scheiden lassen. Auf der anderen Seite hat die DDR aus bevölkerungspolitischen Gründen das Kinderkriegen gefördert. Beides passt durchaus zusammen: das "gesellschaftliche Interesse" sollte entscheidend sein. Und das nenne auch ich: mangelnden Respekt vor dem Ungeborenen, nämlich Instrumentalisierung mal so und mal so.

Nun sagen manche, die betreffenden Mütter seien doch viel zu jung, um durch die DDR geprägt worden zu sein. Soll das heißen, dass im Jahre 1990 die gesamte DDR-Bevölkerung die DDR-Prägungen abgelegt hat? Diejenigen, die seit 1990 heranwachsen, übernehmen natürlich die Wertungen ihrer Eltern und ihrer Umgebung - welche denn sonst?

Da die Tötungen Neugeborener immer nach verheimlichten Schwangerschaften stattfinden, handelt es sich immer um Frauen in sozialer Isolierung. Die findet heute statt und kann nicht der DDR angelastet werden. Nun sind aber im Osten uneheliche Geburten weder ungewöhnlich noch Grund zur Diskriminierung. Da diese Frauen keine Ächtung zu befürchten haben, ist die Frage erlaubt, warum sie nicht ihr Kind im Krankenhaus zur Welt gebracht und zur Adoption freigegeben haben. Das wäre nämlich auch in verzweifelter Situation die näher liegende Option, wenn die Tötung des Neugeborenen für sie tabu wäre, also unter keinen Umständen in Frage käme. Dafür brauchen wir eine Erklärung. Der Zusammenhang, den Böhmer behauptet hat, ist meines Wissens durch fundierte Studien nicht nachgewiesen. Statt seinen Rücktritt zu fordern, sollten wir ihm jedenfalls zugestehen, dass er auf ein Problem hinweisen möchte, das ihn schon lange und tief bewegt. Absurd ist die Unterstellung, er habe bloß beleidigen wollen. Warum sollte er?

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