Meinung : King Gerd

Roger Boyes, The Times

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Gerhard S., 61-jähriger Anwalt aus Niedersachsen, geht nächste Woche nach Großbritannien, um an einem bisher geheimen Ort Englisch zu lernen. Das muss man sich so vorstellen: Im Klassenzimmer zieht es wie Hechtsuppe, Kreide quietscht über die Tafel, die Tische sind von Ikea und heißen Björn oder so ähnlich. Die meisten Schüler sind Au-pairs aus Österreich oder Norwegen. Und wenn der Lehrer, ein Oxfordabsolvent, der vorher Englisch in Saloniki unterrichtet hatte, ihnen den Rücken zuwendet, verschicken sie SMS an ihre Freunde.

Eines der Mädchen, ein übergewichtiges Landei mit Namen Annemarie, pappt ihren Kaugummi an die Seite ihres Tisches und lehnt sich rüber zu dem Neuen:

„Wie heißt Du?“

„Gerd.“

„Und was machst Du?“

„Internationaler Staatsmann.“ Gerd hält inne. „Im Ruhestand.“

„Cool. Aber was willste da noch Englisch lernen?“

„Um besser Geld verdienen zu können.“

„Besser spät als nie.“

Annemarie widmet ihre Aufmerksamkeit kurz der Tafel. Der Lehrer hat darauf „Shakespeare“ geschrieben.

„Herr S.“, sagt der Lehrer und wischt sich die Kreide von der Kordhose, „haben Sie ,Richard II.’ gelesen?“

Der deutsche Schüler rappelt sich auf. Und mit ihm zwei kräftige Männer in Anzügen und mit Knöpfen im Ohr. „Nein.“

„Sollten Sie aber. Es zeigt, dass es falsch ist, einen König zu stürzen. Und auch, dass der König, Richard, ein sehr schlechter König ist. Ein sehr aktuelles Dilemma, finden Sie nicht?“

„Ja, … nein.“ Gerd S. ist durcheinander. Wenn doch nur Doris da wäre. Die Klasse kichert. Annemarie schickt einem der kräftigen Männer neben Gerd ein Briefchen. „Sehen wir uns später bei Starbucks?“ Wie sein Boss verfügt der nur über ein bruchstückhaftes Englisch. „Nein“, schreibt er zurück, „ich bin im Dienst.“

Auf dem Pausenhof steht Gerd allein rum. Er hat seine Fähigkeit zu kommunizieren verloren. Sein Telefon klingelt nicht. Er denkt über den Rat des Lehrers nach. Vielleicht hätte er wirklich Shakespeare lesen sollen. Doris hatte ihm immer „Macbeth“ ans Herz gelegt: ein schwacher Mann, angetrieben von einer ehrgeizigen, starken Frau. Offenbar der Schlüssel, um das Geheimnis von Oskar zu enträtseln. Oder „King Lear“, der sich nicht von der Macht trennen kann. Gerd denkt: Ich könnte meinen Memoiren ein shakespearehaftes Motiv geben: die rot-grüne Tragödie. Gerd versucht, Manfred Bissinger anzurufen. Keiner hebt ab.

Annemarie hat Mitleid mit dem Staatsmann und kommt rübergewackelt.

„Und, irgendwelche Pläne für später, Gerd?“

„Ich heuer bei einem Schweizer Medientycoon an – als Türöffner für Russland und China.“

„Super! Als Verteidiger der Pressefreiheit?“

„So ungefähr.“

Gerd atmet erleichtert auf, als es zur Stunde klingelt.

„Hey Gerd, ist das Deine echte Haarfarbe?“, ruft Annemarie. „Sieht echt niedlich aus.“ Gerd verzieht sein Gesicht. Bis Weihnachten sollte er Englisch gelernt haben.

Auf der Tafel im Klassenzimmer steht: Der Konjunktiv.

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