KIOSK  :  KIOSK 

von

Plötzlich schien allen ein wenig mulmig geworden zu sein. Seit Wochen hatten Kommentatoren unermüdlich den Rücktritt Karl-Theodors zu Guttenberg gefordert. So richtig freuen mochte sich dann aber fast niemand auf den Webseiten der großen Zeitungen und Magazine, im Gegenteil. Regelrecht erschrocken schienen einige darüber, dass ihr Wunsch plötzlich Wirklichkeit geworden ist. Ein Grund dafür: Kaum einer traute dem Braten.

Thorsten Denkler sah nur wenige Stunden nach dem Abgang des Polit-Popstars auf Sueddeutsche.de dasselbe Schreckgespenst am Horizont wie auch Sebastian Fischer und Veit Medick auf Spiegel.de: Franz Josef Strauß. Die „Spiegel“-Autoren zweifeln daran, dass Guttenberg sich zurückziehen und seine Apanage genießen wird. Und Denkler orakelt: „Gut möglich, dass der gefallene Jungstar in wenigen Monaten eine Art Märtyrerstatus erlangt.“ Auch Strauß sei ja nach der „Spiegel“-Affäre zurückgetreten – und dann wiedergekommen, um „sehr, sehr lange zu bleiben.“ Es klingt wie eine Drohung.

Dabei stricken Sueddeutsche.de und Spiegel.de mit am Märtyrermäntelchen. Zwar sei der Rücktritt des Ministers unausweichlich gewesen, finden Fischer und Medick. Doch für den Normalbürger bleibe er schwer nachzuvollziehen. Es drohe die Entfremdung zwischen der politischen Klasse, inklusive politischer Journaille, und den Wählern und Lesern. Denkler sieht den Verteidigungsminister nun endlich als die „geradlinige Führungspersönlichkeit“, nach der sich dessen Fans gesehnt haben.

Dass Nikolaus Blome, Chef des „Bild“-Hauptstadtbüros, auf Bild.de ein bis zwei große Krokodilstränen vergießt, ist weniger überraschend – die Zeitung hatte Guttenberg in den vergangenen Tagen verteidigt. Mit ihm habe die Republik einen Politiker verloren, dem die Bürger vertrauten, schreibt Blome. Bild.de lässt auch am Tag des Rücktritts seine Leser zu Wort kommen, die überwiegend bedauern, dass „dieser gute Mann geht“. Alle Kommentatoren sorgen sich um die Stabilität der Regierung.

Unerschrocken ist am Nachmittag von Guttenbergs Rücktritt praktisch nur Der Westen. „Guttenberg hat sich selbst entzaubert“, stellt Walter Bau fest. „Sein Rücktritt ist richtig.“ Und die Netzgemeinde, die auf http://de.guttenplag.wikia.com die Verfehlungen des Teflon-Ministers dokumentierte, bis sie nicht mehr so recht abperlen wollten? Zumindest ist die Aufregung groß. Twitter lief heiß. Auf den ersten Blick überwogen dort Häme und Freude. „Die Sonne scheint, Guttenberg ist zurückgetreten, was will man mehr“, zwitscherte eine Kommentatorin. Auf Facebook wurde bereits eine neue Gruppe gegründet. Der Titel: „Neuer Job für zu Guttenberg gesucht“. Auf der Seite „Guttenberg muss gehen“ schlägt ein Kommentator eine andere Variante vor. Die Seite soll heißen: „Gegen ein Comeback.“ Anna Sauerbrey

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar