Meinung : KIOSK

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Die Friedensbewegung liegt nicht im Aufwind – trotz ihrer besser als zuletzt besuchten Kundgebungen und Ostermärsche. Schließlich wurden fast zwei Drittel der Teilnehmer in der Wittstocker Heide gezählt. Dort kreist der Protest gegen einen Schießplatz, aber nicht um Ethik. Er speist sich aus dem Ärger über Fluglärm und der Sorge um Grundstückspreise. Woher also die anhaltende Schwäche der Friedensbewegung? Ein tiefer Bewusstseinswandel in Deutschland und ihre fragwürdige Agenda drängen die Pazifisten in die Randexistenz. Zwar steht die überwältigende Mehrheit der Deutschen militärischen Abenteuern unverändert distanziert gegenüber. Der IrakKrieg etwa wurde aus der moralisch wie politisch richtigen Einschätzung abgelehnt, dass sich Gewaltanwendung nur mit unmittelbarer Bedrohung rechtfertigen lässt. Aber schon vor zehn Jahren hat sich angesichts der Gräuel in Bosnien auch eine breite Übereinstimmung darüber gebildet, dass es Lagen gibt, die ein militärisches Eingreifen erzwingen. Die Friedensbewegung steht bis heute außerhalb dieses Konsenses. Sie greift sogar den Verfassungsentwurf der EU an, weil er gewaltsames Vorgehen gegen Völkermörder erlaubt. Was allerdings nicht überrascht, nachdem die derzeit schrecklichsten Kriege in Afrika – offensichtlich mangels US-Beteiligung – für diese Bewegung höchstens Randthemen sind.

aus Wien sorgt sich um die politische Lage im nördlichen Nachbarland: Zu Zehntausenden zogen sie in der Nacht zur Berliner Mauer, überrannten die Grenze und stürmten jubelnd in den Jahrzehnte verbotenen Westen. Es war der 9. November 1989. Ein historischer Tag, Beginn der deutschen Wiedervereinigung und der Neugestaltung Europas. Und jetzt, gut 15 Jahre danach? Nach einer aktuellen Umfrage wünscht sich ein Viertel der Westdeutschen die Mauer zurück. Die alte Grenze zwischen Ost und West mit Todesstreifen, Selbstschussanlagen und Grenzpolizisten, die auf Republikflüchtlinge schossen. Man glaubt es nicht. Selbst im Osten Deutschlands erklärten zwölf Prozent der Bevölkerung, es wäre alles besser, stünde die gute, alte Mauer noch. Die Mauer als Schutz vor Rekordarbeitslosigkeit, tief greifenden Reformen des Sozialstaates, ein Wall gegen Budgetdefizit, lahmende Wirtschaft, allgemeine Depression? Was ist los in Deutschland?

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