Meinung : Kipf, Semmel und Wecken

Berichterstattung zu Thierse vs. Schwaben

Bravo, Herr Thierse! Die Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht. Das Schlimme an den Schwaben (oder Sachsen usw.) ist nicht, dass es sie in Berlin gibt, sondern dass man sie mit anhören muss. Ich bin in Hessen geboren und habe etwa ein Drittel meiner Lebenszeit in Frankfurt/Main verbracht. Doch im zarten Kindesalter habe ich beschlossen, neben dem hessischen Gebabbel auch noch Hochdeutsch zu lernen, damit ich außerhalb der Landesgrenzen nicht (unangenehm) auffalle. Dies wünsche ich den Schwaben in Berlin. Seid trotzdem willkommen!

Reiner Trunk, Berlin-Schöneberg

Ich schätze Herrn Thierse als Politiker sehr. Seine Äußerung zu den Schwaben im Prenzlauer Berg bedient jedoch leider billige und „erschröcklich“ plumpe Klischees und ist absolut undifferenziert. Das von ihm als Beispiel schwäbischer Prenzelberg-Invasion gebrauchte Wort „Datschi“ gehört nicht zur schwäbischen Sprache. Es ist die bayerische Bezeichnung für Pflaumenkuchen. Ich musste mich als gebürtiger Schwabe im Wörterbuch nach der Bedeutung von „Datschi“ erkundigen. Ich wusste nicht einmal, ob das Wort mit kurzem oder langem a gesprochen wird. Wenn das Lexem Datschi in Schwaben, was sehr selten ist, auftaucht und benutzt wird, so ist dies ebenso fremdbestimmt wie in Berlin. Es ist Ausdruck jenes linguistisch-kulturellen bayrischen Gemütlichkeitsimperialismus, bei dem Bayern in interkultureller Stereotypie mit „Deutschland“ gleichgesetzt wird.Dr. Reinhold Wandel, Berlin

Vor 51 Jahren bin ich als Schwäbin und „Kehrwochenflüchtling“ nach West-Berlin gekommen – nach „Sibirien“, wie die schwäbischen Nachbarn meinten – und bin eine begeisterte Berlinerin geworden. Ich hätte allerdings nie gedacht, dass ich nach dem Mauerfall einmal Hass-Graffiti im Prenzlauer Berg und anderswo lesen würde. Und dass in einer so multikulturellen und für alles Fremde offene Weltstadt wie Berlin irrsinnige Streitereien ausbrechen würden, ob man Wecken (kenne ich nicht, ist wohl eher in Bayern üblich ) oder Schrippen sage, wenn ganz simpel der Bedarf an Grundnahrungsmitteln gedeckt werden soll. Ist aus dem „Schwaben rein“ von 1961 tatsächlich ein „Schwaben raus“ geworden? Was wohl so manch berühmter Schwabe der Stadt wie z. B. der Nobelpreisträger Gerhard Ertl dazu sagen mag, oder die beliebten Promi-Schwaben Walz und Biolek?

Renate Rothbarth, Berlin-Nikolassee

Die Wogen sind nun hochgeschlagen, und es könnte ein schöner Zug sein, Herrn Thierse mehr Details über das schwäbische Leben mittels eines geschenkten Zeitungsabonnements zukommen zu lassen. Die Verlängerung des Abonnements allerdings an eine Entschuldigung zu koppeln, spricht nicht gerade für unsere schwäbische Großzügigkeit und Nachsicht. Herr Thierse schuldet uns Schwaben keine Entschuldigung! Dass ein einziger Aspekt aus einem Interview dermaßen emotionalisieren konnte, dürfte angekommen sein. Diesbezügliche, auch höchst persönlich gewordene polemische Äußerungen hochrangiger Politiker mit schwäbischer Abstammung helfen weder dem Weckle noch der geforderten Integration. Vielleicht steckt ja noch mehr dahinter ... an unausgeräumten Missverständnissen und gegenseitigen Befürchtungen? Dann allerdings wäre es umso mehr geboten, sich zusammenzusetzen und solche möglichst auszuräumen.

Es ist ein ganz und gar unguter Geist, der zur Jahreswende allseits um ein Backwerk beschworen wurde, besser wäre doch, erst einmal Luft zu holen und zunächst in ein solches hineinzubeißen ...!

Achim E. Ruppel, Berlin-Wilmersdorf

Geboren bin ich 1941 in Berlin. Nach der Evakuierung kam ich 1946 aus der Hannoveraner Gegend zurück. Es ist schon verwunderlich, dass man mit der Bezeichnung von Backwaren ganze Seiten füllen kann. Wir hatten einen Bäcker an der Ecke, da gab es Schrippen und Knüppel. Jeden Sommer bin ich mit Rucksack und Lederhose durch das mir bis dahin unbekannte Süddeutschland getrampt. Irgendwann fiel mir auf, dass es südlich des Mains viele andere Bezeichnungen für das Brötchen gibt: Kipf, Semmel und Wecken, und mich wundert, dass der Kipf bisher noch gar nicht erwähnt wurde.

Ulrich Waack, Berlin-Lichtenrade

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