Kirche in der Hauptstadt : In Berlin macht jeder seins

Unten tragen sie den Leib des Herrn durch die Straßen, oben auf den Balkons trinken sie Prosecco. Wer Bischof in Berlin ist, muss sich daran gewöhnen, dass er eine Minderheit vertritt.

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So gut besucht sind die Kirchen in Berlin selten: Ökumenischer Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zur Frauenfußball-WM am 26.06.11.
So gut besucht sind die Kirchen in Berlin selten: Ökumenischer Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zur...Foto: dpa

„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn. Denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s auch euch wohl“, heißt es in der Bibel. Diese Sätze schrieb der Prophet Jeremia vor rund 2500 Jahren. Er schrieb sie an die Israeliten, die in Babylon leben mussten, im Exil, in der Diaspora, als Minderheit unter Fremden. Vergeudet nicht eure Energie in sinnlosem Widerstand, will Jeremia sagen, verschanzt euch nicht, sondern geht hinaus in die Stadt, mischt euch ein, gestaltet die Gemeinschaft mit.

Wer es ganz streng nimmt mit dem katholischen Glauben, könnte sich täglich ärgern in Berlin. Viele hier halten Religion grundsätzlich für Unsinn von gestern und äußern das bisweilen auch aggressiv. Es gibt Scheidungen, Abtreibungen – und keinen regulären Religionsunterricht. Und dann auch noch selbstbewusste Katholiken, die in der Kirche mitreden wollen. Doch christlicher Glaube ist keine Selbstbeschäftigung. Jeremia schickt die Kinder Gottes hinaus in die Stadt, weil sie für die anderen da sein sollen. Denn nur wenn es der Stadt gut geht, geht es auch den Christen gut. Und umgekehrt: Den Christen kann es nur gut gehen, wenn es der Stadt gut geht.

Zu tun gibt es genug. Die Kirchen werden gebraucht in Berlin. Die soziale Spaltung der Stadt geht weiter, es gibt Viertel, wo Kinder alle Chancen haben, und Viertel, wo ihnen keine einzige bleibt. Hier leben Menschen, die Angst haben vor dem nächsten Arbeitstag oder weil sie keine Arbeit haben.

Rainer Maria Woelki, der neue Erzbischof wird gebraucht, damit die Stadt menschenfreundlich bleibt. Es wäre gut, wenn er soziales Gespür mitbringen würde. Es würde helfen, wenn er auch mit ungewöhnlichen Menschen reden könnte, mit Künstlern und Kreativen, wenn er auch auf die vielen zugehen würde, denen die Kirche so fremd ist wie der Ameise der Mond. Rainer Maria Woelki wird gebraucht, um Brücken zu bauen, zu den Evangelischen, zu den Juden und zu den Muslimen in der Stadt. Aber auch, um die Gräben in der eigenen Kirche zu überwinden.

Er soll den Menschen von Gott erzählen. Besser noch: vorleben. Zeigen, dass der Glaube Kraft gibt, dass beten hilft. Viele wünschen sich einen Bischof, der sich mit dem Herzen und mit seinem katholischen Glauben auf die Stadt einlässt, auch wenn er damit aneckt. Viele fürchten einen Bischof, der beleidigt ist, wenn jemand anderer Meinung ist. Der zu jener immer mächtigeren Fraktion in der katholischen Kirche gehört, die sich abschottet und bewusst als Gegensatz zur Welt versteht. Woelkis Lehrmeister, der Kölner Kardinal Joachim Meisner, steht dafür. Ein Bischof mit Berührungsängsten wäre in der toleranten und weltoffenen Stadt Berlin fatal.

„Das Christentum ist für viele im Osten so fremd, dass es schon wieder interessant ist“, hat neulich Joachim Wanke gesagt, der katholische Bischof von Erfurt. Das ist eine riesige Chance, für Berlin und für die Kirche. Und außerdem: Parallelgesellschaften gibt es in der Stadt genug. Eine katholische Parallelwelt braucht sie da nicht auch noch.

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