Meinung : Kirche und Ethik: Kirchentag und Kirchenalltag

Gerd Appenzeller

Das Verhältnis der Kirchen zum Geld ist ambivalent. Religiöse Bewegungen, die die strikte Trennung zwischen gelebtem Glauben und irdischen Reichtümern propagieren, gab und gibt es sowohl in der katholischen als auch in der protestantischen Tradition - genauso wie auch das Gegenteil. Aber kirchliche Arbeit, zumal die caritative, wird angesichts leerer Kassen immer mehr von Bittgängen und Spendern abhängig. Da käme ein bisschen mehr Geld oft auch den Kirchen zupass. Wenn es eine deutsche Stadt gibt, die exemplarisch für das Neben- und Gegeneinander von arm und reich stehen, ist es Frankfurt am Main. Hier beginnt heute der 29. Evangelische Kirchentag.

Es ist der richtige Platz für Debatten über Globalisierung und Geld. Mit der Deutschen Bank, der der Kirchentag 1987 wegen ihrer regierungsgeneigten Südafrikapolitik die Geschäftsbeziehungen kündigen wollte, gibt es wieder gute Beziehungen. Das Apartheidsystem zerbrach nicht zuletzt unter dem ausländischen Druck. Symbol für den Machtfaktor Wirtschaft ist das Geldinstitut geblieben. Evangelische Kirchentage haben sich an der Dominanz der Ökonomie über den Menschen schon immer gerieben. Das mag manchmal weltfremd und geradezu rührend geklungen haben, aber Kirchentage dienen nicht mehr der Volksfrömmigkeit, sondern der offenen Auseinandersetzung, hoffentlich auch dem Dialog, des Glaubens mit der Welt. Und wo es der Amtskirche oft nur noch einmal im Jahr, an Weihnachten, gelingt, die Gemeinde eingermaßen zahlreich um den Altar zu versammeln, ist der Kirchentag auch so etwas wie eine trotzige Selbstvergewisserung des "Wir sind noch da!" geworden.

Aber Kirche und Politik wissen, dass es schwerer nachweisbare und dennoch gewichtige Hinweise auf religiöse oder konfessionelle Orientierung gibt als die Quote der Gottesdienstbesucher. Die wachsende Attraktivität der Kirchentage für Jugendliche ist ein Indiz dafür, dass in der sich so offen gebenden Gesellschaft ein Defizit an Besinnungsmöglichkeiten und Begegnungen besteht. Wo sonst wird so ernst über soziale und ethische Konflikte nachgedacht und gesprochen wie auf den Kirchentagen, den katholischen wie den evangelischen? Kirchentage sind Orte der unangepassten Diskussionen und deshalb so beliebt. Nirgendwo kann die Politik die Jugend so aufnahmebereit und zahlreich treffen wie auf den Kirchentagen. Deshalb finden wir ihre prominenten Vertreter ab heute auch in Frankfurt, wie Johannes Rau, der aus seinen protestantischen Bindungen nie ein Hehl gemacht hat, bis zu Gerhard Schröder, dessen religiöse Fixierungen bislang eher rudimentär schienen. SPD und Grüne haben nicht jene breite kirchliche Basis wie CDU und CSU. Aber in beiden Regierungsparteien, vor allem bei den Sozialdemokraten, gibt es weit zurückreichende Traditionslinien kirchlicher Wertebildung. Und weil sich Jugend, Kirche und Politik treffen, wird zum Beispiel die Debatte über Prä-Implantationsdiagnostik in Frankfurt intensiver sein denn je zuvor. Der Diskurs im Bundestag zu diesem Thema ist für Jugendliche weit weg gewesen, die Auseinandersetzung in den Feuilletons wird über ihre Köpfe hinweg geführt.

Wichtiger als der Verlauf des Kirchentages selbst wird aber für die evangelische Kirche sein, welche Impulse sie aus Frankfurt mitnimmt und was davon sie in ihrer alltäglichen Gemeindearbeit verstetigen kann. Die Kirche will, anders als noch vor Jahrzehnten, keinen Druck mehr ausüben. Wer zu ihr kommt, kommt freiwillig. Reduziert sich das kirchliche Leben, von Weihnachten einmal abgesehen, auf drei Begegnungen in einem ganzen Leben (Taufe, Konfirmation, Beerdigung), wird jedoch zum Ritual, was eigentlich Bekenntnis sein sollte. Dabei zeigt die sorgenvolle Auseinandersetzung über Fremdenhass, Sterbehilfe und Gentechnik, dass die Sehnsucht nach moralischen Instanzen und nach Orten ethischer Reflexion so groß wie nie ist. Das ersetzt den Glauben nicht etwa, im Gegenteil. Es ist die große Chance der Kirchen. Denn wer über die Grenzen des Machbaren spricht, steht schnell genau da - vor der Glaubensfrage.

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