Meinung : Klassenkampf im Wartezimmer

Von Heike Jahberg

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Wer ärgert sich darüber nicht: Man wartet und wartet, und dann kommt ein Privatpatient und wird direkt ins Sprechzimmer des Arztes geschleust. Bis sie einen Behandlungstermin bei einem begehrten Facharzt bekommen, müssen sich Kassenmitglieder schon mal Wochen gedulden, privat Versicherte dagegen nur wenige Tage.

Wenn Gesundheitsministerin Ulla Schmidt jetzt die Zwei-Klassen-Gesellschaft in den Wartezimmern beenden will, trifft sie damit den Nerv der Kassenpatienten. Doch was so bürgernah daherkommt, ist in Wirklichkeit knallharte Gesundheitspolitik. Am Ende steht die Abschaffung der privaten Krankenversicherung wie wir sie heute kennen – zu Gunsten einer Bürgerversicherung für alle. Denn da die gesetzlichen Kassen keine höheren Honorare aufbringen können, heißt die von Schmidt propagierte Gleichbehandlung nur eines: Auch die privaten dürfen künftig keine höheren Sätze mehr zahlen. Damit verlieren Privatpatienten ihre Privilegien. Für viele Bürger schwindet damit der Reiz, sich privat zu versichern – die privaten Krankenversicherungen verlieren Kundschaft.

Doch wenn sich Kassenpatienten jetzt schadenfroh die Hände reiben, ist das zu kurz gedacht. Denn Privatpatienten bringen Ärzten und Kliniken gutes Geld. Viele Praxen kommen ohne diese Zusatzeinnahmen nicht über die Runden. Die Konsequenz: Wenn dem System künftig Milliarden entzogen werden, werden die Mediziner noch stärker als bisher versuchen, mit dem Patienten individuell abzurechnen. Sollten die höheren Honorare der Privatpatienten wegfallen, dürften die Ärzte ihren Kunden wahrscheinlich verstärkt Leistungen nahe legen, die die dann aus eigener Tasche bezahlen müssen.

Man kann sich mit Fug und Recht über Privatpatienten aufregen. Es ist auch politisch legitim, gegen die privaten Krankenversicherungen zu kämpfen. Nur: Dann sollte man das mit offenem Visier tun und nicht durch die Hintertür. Und nicht zu einem Zeitpunkt, wo die Tinte auf dem Koalitionsvertrag noch nicht einmal getrocknet ist.

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