Klaus Wowereit : Berlins Mitte: Hier baut der Chef

Wenn Klaus Wowereit sich dafür interessiert, was vor seinem Rathausbalkon passiert, dann ist das nicht nur richtig, sondern höchste Zeit. Es wird manchen Bürger ärgern, dass mit einer Bebauung die letzten Reste der städtebaulichen Planung der DDR geschleift werden. Doch zugige Freiflächen besitzt die Stadt bereits im Übermaß.

Gerd Nowakowski

Wann, wenn nicht jetzt? Mit dem Neubau des Berliner Schlosses soll 2010 begonnen werden – jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um über die Neugestaltung des historischen Zentrums zu reden. Deswegen ist es gut, wenn der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit eine Bebauung des Marx-Engels-Forums gegenüber dem Schloss anregt. Seit dem Abriss des Palastes der Republik wird die gewaltige städtebauliche Aufgabe erst richtig sichtbar; es geht nicht nur um einen architektonischen Solitär am Spreeufer, sondern um die Wiedergewinnung des leeren Herzens der Stadt zwischen Deutschem Historischen Museum und Fernsehturm.

Ja, leer ist diese Mitte, auch wenn dort der prachtvolle Neptun-Brunnen vor dem Roten Rathaus steht und – noch – das Marx-Engels-Forum mit den bärtigen Urvätern des Sozialismus auf einer Rasenfläche. Das Denkmal muss eh weichen, damit darunter die U-Bahn gebaut werden kann. Der Neptun-Brunnen wiederum fremdelt auf der Freifläche, weil er einst für einen Standort vis-à-vis dem Schloss konzipiert war.

Es wird manchen Bürger ärgern, dass mit einer Bebauung die letzten Reste der städtebaulichen Planung der DDR geschleift werden. Doch zugige Freiflächen besitzt die Stadt bereits im Übermaß. Erst rissen der Krieg und die Bomben riesige Lücken in die gewachsene Stadt, dann folgten die Sünden der modernen Stadtplaner – in Ost wie West. Im Westteil der Stadt künden die Schneisen vom Wahn der autogerechten Stadt, im Ostteil sind die gigantischen Freiflächen dem Wunschbild einer sozialistischen Metropole geschuldet.

Wenn Klaus Wowereit sich also dafür interessiert, was vor seinem Rathausbalkon passiert, dann ist das nicht nur richtig, sondern höchste Zeit. Dass die Öffentlichkeit seine Intervention dennoch überrascht zur Kenntnis nimmt, hat vor allem damit zu tun, dass der Regierende Bürgermeister zuletzt wie von den realen Problemen der Stadt entrückt wirkte. Die Debatte offenbart freilich zugleich auch einen tiefen Dissens mit einer Parteifreundin, der Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer. Deren aus Basel stammende Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hat auch nach zwei Jahren im Amt kein Gefühl für die Stadt und keine Idee von Berlin entwickelt; es ist ihr auch nicht gelungen, Akzente zu setzen und sich vom Schatten ihres Vorgängers Hans Stimmann zu befreien. Stadtentwicklung wird derzeit vom Chef gemacht. Das kann helfen. Ärgerlich aber ist es, wenn es mit selbstherrlichem Gestus und mit erratischen Interventionen, nicht mit Kontinuität geschieht. Das gilt für Wowereits freihändige Vergabe des Flughafens Tempelhof trotz laufenden Ideenwettbewerbs an die Modemesse Bread and Butter oder seine Schelte für einen hässlichen Neubau auf dem Alexanderplatz, die der Regierende mit einer Gestaltungssatzung selbst hätte verhindern können.

Nach dem städtebaulichen Urknall Mauerfall und dem Umzug der Bundesregierung geht es um die nächste Etappe. Damals stand die architektonische Moderne im Vordergrund – ob am Potsdamer Platz oder rund um den Reichstag. Berlin muss sich dabei nicht einmal neu erfinden: Mit dem Planwerk Innenstadt liegt seit Jahren eine Folie vor, wie die historischen Grundrisse wiedergewonnen und Straßenschneisen zurückgebaut werden können. Und wer meint, hier überziehe der Westen den Ostteil der Stadt mit zu viel Retro: Das historisch anmutende Nikolaiviertel ist bereits 1987 erbaut worden – vor der Wende.

Karl Marx und Friedrich Engels könnten zwischen Schloßplatz und Fernsehturm bald von Hotels und Geschäften umstellt werden. Klaus Wowereit sieht darin eine städtebauliche Aufgabe, andere ärgern sich über preußischen Historismus. Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit!

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