Klaus Wowereit : Das SPD-Model

Cool, sehr cool: Berlins Regierender Klaus Wowereit sucht jeden Laufsteg. Das könnte ihn am Ende bis ins Kanzleramt führen - oder doch in eine neue Talkshow mit Sabine Christiansen.

Bernd Matthies

Der Terminplan steht. Am 27. August wird Klaus Wowereit im ARD-Fernsehen einen Heiratsantrag Kurt Krömers zurückweisen. Im September stellt er sein Buch „Und das ist auch gut so – mein Leben für die Politik“ vor. Im Oktober ist SPD-Bundesparteitag, da werden sich die Sozialdemokraten sehr überlegen müssen, ob sie weiter Jens Bullerjahn im Präsidium sehen wollen. Oder doch lieber Klaus Wowereit, der gerade auf einer Welle der Popularität surft. 51 Prozent der Deutschen wünschen ihm nach einer neuen Umfrage eine wichtigere Rolle in der Politik, damit hat er mit den Parteifreunden Steinbrück und Steinmeier gleichgezogen.

Die Deutschen mögen authentische, glaubwürdige Politiker. Sie haben Gerhard Schröder an allen Parteisoldaten vorbei ins Amt getragen, weil er mehr als all die anderen den Willen verkörperte, Kanzler zu werden. Wowereit ist in dieser Beziehung das genaue Gegenteil Schröders. Kanzler? Er würde nie sagen, dass er sich das nicht zutraut; es kann aber sein, dass er es im Ernstfall doch vorzieht, mit Sabine Christiansen eine neue Talkshow ins Leben zu rufen.

In dieser Sprunghaftigkeit liegt seine spezifische Authentizität, und auch die gefällt dem Wähler. Er macht, worauf er Lust hat, ist nicht so karrieregeil wie die anderen, das kommt an. Und obwohl sein eigener Lebensstil von Hartz IV weit entfernt ist, profitiert er von seiner Offenheit gegenüber der Linkspartei: Wer, wenn nicht er, könnte 2013 die Träume der Lafontainisten erfüllen?

Klaus Wowereit kann sich Authentizität leisten, weil er ein politischer Zocker ist. Er badet wohlig in der Rolle des Stadtpräsidenten, der die Senatoren ackern lässt und am liebsten nur dann auftaucht, wenn glamouröse Ernte einzufahren ist. Mit Thomas Gottschalk in Hollywood essen gehen, mit Eva Padberg am Laufsteg vor dem Brandenburger Tor sitzen, das ist aus seiner Sicht vermutlich das Größte, was ein einfacher Junge aus Lichtenrade im Leben erreichen kann. Was jetzt noch kommt, egal was, es wäre allenfalls ein Bonus. Deshalb kann er es sich leisten, die Debatten über den Flughafen Tempelhof oder das ICC treiben zu lassen, er kann es sich leisten, Wirtschaftsbosse im Dutzend zu brüskieren und das Modell Rot-Rot kühlen Herzens für weitere Länder zu empfehlen.

Aber er ist eben nicht nur Sonnenkönig, sondern auch Stratege, und zwar überall dort, wo sein Bauchgefühl ihm zurät. Kultur ist seine Sache, sie ermöglicht große Auftritte ohne viel Kleingedrucktes. Medien, Tourismus, Hotellerie sind für ihn die Zukunft, die „Fashion Week“ ist ihm Herzenssache, da räumt er persönlich alle Hindernisse aus dem Weg.

Derweil schart er in der Senatskanzlei diskret Politikprofis aus der Juso-Szene um sich, die ihm jene bundesweite Vernetzung liefern, um die er persönlich sich nie gekümmert hat. Im Fall der Fälle wird er da sein, das ist klar. Aber falls dieser Fall nicht eintritt, wird niemand sagen können, er habe beim Bemühen versagt. Das ist, in der Sprache der jungen Wähler, cool, sehr cool. Und auch diese Haltung macht heute populär.

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