Meinung : Kleckern, nicht protzen

Den Hybridantrieb haben deutsche Autobauer verschlafen – nun weckt sie der Benzinpreis

Alfons Frese

Es ist Zirkus in der Frankfurter Festhalle. Von der Decke schweben Artisten und sollen ein wenig ihrer Leichtigkeit auf die Hauptdarsteller unter ihnen übertragen. Auf der Bühne steht eine Mercedes M-Klasse mit 510 PS, der stärkste Geländewagen der Welt, sagt Mercedes-Chef Dieter Zetsche. Es folgt eine Mercedes R-Klasse (ebenfalls über 500 PS) und die neue S-Klasse mit ein paar hundert PS. Sind diese Autos mit ihrem großen Durst noch zeitgemäß? Auf jeden Fall, sagt der Mercedes-Chef, denn solche Autos machen Spaß.

Die Stimmung ist gut auf der größten Autoshow der Welt. Allein Volkswagen hat 1000 Personen zum Aufbau des Messestands gebraucht und beschäftigt während der Schau weitere 500. Vermutlich gibt es nicht mal auf Modemessen so viele hübsche Frauen zu sehen wie hier vor und hinter und neben den Fahrzeugen aus aller Welt. „Faszination Auto“ eben, das Motto der diesjährigen IAA. Wenn da nicht der verdammt teure Sprit wäre.

Der Audi Q7 ist mehr als fünf Meter lang und wird von ein paar hundert PS angetrieben. Diese Mischung aus Geländewagen und Coupé ist ein tolles Auto, da sind sich alle Experten einig. Aber kommt es zur richtigen Zeit? So ein Dickschiff wird vor allem für Amerikaner gebaut. Doch in welcher Verfassung ist der US-Markt? Die amerikanischen Autofahrer reagieren deutlich schneller auf veränderte Umstände als die Europäer, und so gibt es bei Audi die Sorge, dass bei den vermutlich dauerhaft hohen Gallonenpreisen das Kaufverhalten der US-Fahrer umschwenkt: Weg von den Sport Utility Vehicles und Vans, hin zu sparsameren Pkw. Audi bemüht sich, den Q7 so schnell wie möglich mit einem Hybridantrieb nachzurüsten, denn diese Kombination aus Verbrennungs- und Elektromotor verbraucht deutlich weniger.

Beim Hybrid haben die deutschen Hersteller genauso gepennt wie beim Dieselfilter. Jetzt bringen die Benzinpreise Mercedes und BMW, VW und Porsche in Schwung. Hastig werden Allianzen geschmiedet, um den Vorsprung von Toyota aufzuholen. Doch das ist nur ein kleiner Teil einer Strategie gegen das teure Benzin. Sicher werden Biokraftstoffe und Erdgas eine zunehmende Rolle spielen und in 15 oder 20 Jahren vielleicht auch die Brennstoffzelle. Doch kurzfristig steht ein Paradigmenwechsel an: Weg vom PS-Wahn.

Vor zehn Jahren war ein Golf mit 100 PS noch etwas Besonderes, heute gibt es kaum noch leistungsschwächere Motoren. Auf der IAA präsentiert VW einen Golf mit 250 PS. Muss das sein? Ja, wenn der Kunde das will. Aber mit steigenden Spritpreisen werden solche Autos irgendwann zu teuer für einen größeren Kundenkreis. Und obwohl auf der IAA wieder die PS-Protze im Vordergrund stehen – die verbrauchsarmen Kleinen erobern sich zunehmend Raum. Das Aufrüsten mit immer mehr PS ist an die Grenze gestoßen.

Geringer Verbrauch oder mehr Sicherheit? Vor dieser Alternative stehen Autoentwickler seit Jahren. Wer mehr Sicherheit will, muss mehr Gewicht und damit einen höheren Verbrauch in Kauf nehmen. Wenn heute jeder Neuwagen in der Regel acht Airbags hat, dann erhöhen die das Fahrzeuggewicht. Das muss nicht so bleiben. Denn neue IT-Technologien wie das Elektronische Stabilitätsprogramm, Spurassistent und Radar-Abstandregler erhöhen die aktive Sicherheit: Weil das „sehende“ Auto dem Fahrer hilft und ein Auffahrunfall nahezu unmöglich wird, kann womöglich in der Zukunft auf passive Sicherheitssysteme wie den Airbag verzichtet werden. Das Auto würde leichter und sparsamer. Und angetrieben von einem 70-PS-Motor wäre vermutlich ein Durchschnittsverbrauch von unter fünf Litern drin. Die Industrie muss es nur wollen – und die Kunden auch.

Das Fahren macht dann vielleicht nicht mehr so viel Spaß wie mit einer 170-PS-Maschine. Aber dafür traut man sich wieder an die Tankstelle.

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