Meinung : Kleine Cowboys gehören in ein Holzfort

Roger Boyes, The Times

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Mein derzeitiges Lieblingsanliegen will nicht die CIA zur Strecke bringen, es sucht auch keinen respektablen Job für Gerhard Schröder. Mein Herz schlägt für die bewundernswerte, neue Organisation „Casc“ („Campaign for a shorter Christmas“ – Aktion für ein kürzeres Weihnachten). Sie fordert ein Verbot von Weihnachtsdekoration für November und kämpft gegen absurd teure Geschenke für Kinder. Zu Weihnachten, so heißt es im Gründungsmanifest der Casc, „sollten die Menschen Zeit miteinander verbringen, nicht in Geschäften“. Auf www.casc.webalias.com kann man ein Pamphlet runterladen, das man den Nachbarn in den Briefkasten stopfen kann, wenn sie ihr elektrisches Rentier schon vor dem 1. Advent anknipsen.

Eigentlich habe ich ja gar nichts gegen Rentiere. Die roten Weihnachtsmänner, die wie fette Larven am Balkon baumeln oder, blinkend, unter Kinderzimmerfenstern hängen, sind das Problem. Die müssen weg, und nicht zuletzt aus ästhetischen Gründen. Sie steigern das vorchristliche Fieber der Kinder in einem Maße, dass es vier Wochen später kaum noch möglich ist, ihre überdrehten Erwartungen zu befriedigen.

Ein Ergebnis ist, dass Eltern zu viele Geschenke kaufen. Vorbei ist die Zeit, als Kinder ein einzelnes, sehnsüchtig erwartetes Geschenk erhielten und ihr ganzes Leben besaßen. (Mein Steiff-Hase Be-Be lebte von meinem dritten Geburtstag bis zum Tag, als ich die Uni mit einem Abschluss in „War Studies“ verließ und der Labrador meiner Freundin Be-Be zerfleischte.) Dieses Multigeschenkeweihnachten ist ein Segen für China und der Todesstoß für die deutsche Spielzeugindustrie. Sogar im KaDeWe, das über eine der bestinformierten Spielzeugabteilungen Deutschlands verfügt, sind die Schlachten der Globalisierung in den Regalen zu spüren. Kunden werden auf aufwendige, fein gearbeitete Bauernhöfe aus deutscher Produktion aufmerksam gemacht, nachgefragt wird die Plastikversion aus China – die sind mindestens 20 Prozent billiger und deshalb beliebter. Warum sollte Spielzeug auch eine Generation lang halten, wenn Kinder das Interesse daran schon drei Tage nach Weihnachten verlieren. Im KaDeWe bieten sie neben der billigen Ware aus dem Ausland wenigstens noch einheimische Qualität an. Man muss Hamley’s in London nur einen einzigen, albtraumartigen Weihnachtsbesuch abstatten, um zu sehen, was passiert, wenn der größte Spielzeugladen Europas vor dem Billigen und Oberflächlichem einknickt: Der Ort ist zum Aufmarschfeld wildgewordener Roboter, ferngesteuerter Flugzeuge, Computerspiele und rosa Ponies mutiert.

Die heutigen Weihnachtswunschlisten sind aber nicht nur geprägt von der Globalisierung, sondern auch von der zunehmenden Unschärfe zwischen Jugend und Erwachsenenalter. Kleine Kinder gieren heute nach Unterhaltungselektronik, die früher für Jugendliche und Erwachsene gedacht war. Kinder in New York (und deshalb bald auch in Berlin) wünschen sich das „Hasbro ChatNow“, ein Junior-Handy, mit dem Achtjährige in einem Radius von drei Kilometer chatten, SMS versenden, Klingeltöne austauschen und Fotos übertragen können. Oder Mattels „Vidster“, eine Junior-Videokamera, mit der man Filme schneiden kann. Empfohlen für Zehnjährige. Die Spielzeugindustrie nennt das KGOY – „Kids Growing Older Younger“.

Vielleicht kehren wir aber nur zu einer alten Ordnung zurück. Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte dauerte die Kindheit bis sieben, dann wurden die Kinder als Mini-Erwachsene behandelt. Die Druckerpresse änderte das im 15. Jahrhundert. Da Wissen und Information nun schriftlich weitergegeben wurde, mussten Kinder unterrichtet werden. Das Erwachsensein verschob sich auf die Zeit nach der Schule. Fernsehen hat uns in die schriftlose Epoche zurückversetzt: Kinder werden Erwachsenen-Ideen, -Geschmäcker und -Versuchungen ausgesetzt, bevor sie lesen können. Die digitale Technik lüftet die Geheimnisse der Erwachsenenwelt – kein Wunder, dass kleine Jungs ihre hölzernen Cowboyforts verlassen und sich vor den Computer setzen.

Die drastische Lösung – die Weihnachtsgeschenke für Kinder abzuschaffen – ist reizvoll, ändert aber nichts. Stecker aus dem Computer oder dem Fernseher zu ziehen, funktioniert auch nicht. Besser, man gibt Kindern gute Bücher und den Enthusiasmus, sie zu lesen. Sie sollten langsam ins Erwachsensein hineingleiten, ihre eigenen Wege entwickeln, um sich ausdrücken zu können.

Und der nächste Schritt? Die Erwachsenen davon abhalten, sich wie Jugendliche zu benehmen. Möglichst noch, bevor die WM-Invasion in Berlin landet.

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