Meinung : Kleine Kredite mit großer Wirkung

Nobelpreisträger Mohammad Yunus weist neue Wege aus dem Elend

Harald Schumann

Das ist ein Signal! Kein Staatsführer, kein Held der Diplomatie erhält den diesjährigen Friedensnobelpreis. Geehrt wird stattdessen Muhammad Yunus, ein Ökonom aus Bangladesch, dem der praktische Kampf gegen die Armut in seinem Land wichtiger war als seine akademische Karriere.

Mit der Gründung der „Grameen“-Bank, die vor 23 Jahren erstmals damit begann, armen Frauen mit Kleinkrediten zu einem selbst erwirtschafteten Einkommen zu verhelfen, ist Yunus etwas gelungen, wovon die meisten Politiker und Konzernlenker der Welt nicht mal zu träumen wagen: Er verschaffte Millionen von Rechtlosen und Unterdrückten die Chance auf ein Leben in Würde und mit Stolz auf das selbst Erreichte. Das Konzept, kleine Darlehen auch ohne Sicherheit und zu bezahlbaren Zinsen zu vergeben, wenn die Empfänger nur eine plausible Geschäftsidee verfolgen, ist längst weit über Yunus und sein Land hinaus gewachsen. Mehr als 300 Millionen Menschen erhalten mittlerweile auf diesem Weg eine Chance, der absoluten Armut zu entkommen.

Schon zum zweiten Mal nach 2003, als die kenianische Umweltkämpferin Wangari Maathai ausgezeichnet wurde, lenkt dass Nobelkomitee in Oslo damit die Aufmerksamkeit der Welt auf die beiden wichtigsten Fronten im Streit für den Weltfrieden: Dem Kampf gegen die Massenarmut und dem für die wirtschaftliche und politische Teilhabe der Frauen. Nach wie vor haben zwei Drittel der Menschheit keinen Zugang zu den Früchten des technischen Fortschritts und der Globalisierung. Dieser Abgrund zwischen der globalen Verbraucherklasse und der großen Mehrheit ist der wichtigste Quell von Aggression und Konflikten aller Art. Und er wird mit der über die Massenmedien transportierten Verschmelzung der Kulturen über alle Grenzen hinweg täglich gefährlicher.

Zugleich, auch das signalisiert diese Preisvergabe, sind alle Anstrengungen gegen das Massenelend vergebens, wenn es nicht gelingt, den weiblichen Teil der Menschheit aus sozialer Repression zu befreien. Zwar wird ein Mann geehrt, aber gemeint sind ausdrücklich auch die Frauen, die in Bangladesch und anderswo mit Hilfe der Kleinkredite ihr Leben entgegen der traditionellen Machtverteilung in die eigene Hand nehmen.

Dass erneut kein Politiker und keine Staatsfrau den Preis erhält, ist in diesem Kontext nur allzu richtig. Denn die Regierungen, allen voran jene der Wohlstandsstaaten, versagen bisher bei dieser Zukunftsaufgabe auf breiter Front. So verdienstvoll die Arbeit des Ökonomen Yunus auch ist, sie kann die Regierungsarbeit nicht ersetzen. Die Selbsthelfer mit Kleinkredit können keine Schulen bauen, keine Wasserversorgung bereitstellen und keine Medikamente produzieren. Und erst recht können sie nicht für faire Regeln im Welthandel sorgen. All das ist aber unverzichtbar, wenn die vor sechs Jahren vollmundig erklärten UN-Millenniumsziele erreicht werden sollen. Damals unterzeichneten die Regenten der Reichen das Versprechen bis 2015 die Zahl der absolut Armen zu halbieren, allen Kindern der Welt eine Grundschulausbildung zu ermöglichen und die Ausbreitung der Menschheitsseuchen Aids und Tuberkulose zu stoppen. Doch bis heute verweigern sie die dafür nötige Finanzierung. Stattdessen lassen sie sich allein die Subventionierung ihrer Landwirtschaft noch immer dreimal so viel kosten wie die Entwicklungshilfe. „Eines Tages werden unsere Enkel ins Museum gehen, um zu sehen, was Armut war“, lautet die Vision des Preisträgers Yunus. Für uns und unsere Regierungen ist das der Auftrag.

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