Meinung : Kleiner gefürchteter Feind

Thomas Seibert

Der Terrorismus kennt keinen Ramadan, keine Fahne und keine Feiertage." Der türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit hält nichts davon, die westlichen Militäraktionen in Afghanistan wegen des islamischen Fastenmonats zu unterbrechen, der in wenigen Tagen beginnt. Seine Meinung hat mehr moralisches Gewicht als das Nein der USA zu einer Feuerpause. Die Türkei ist der einzige moslemische Nato-Staat.

Für die Wahrnehmung des Afghanistan-Krieges spielt das gemeinsame Vorgehen christlicher und islamischer Staaten gegen Osama bin Laden und die Taliban eine wichtige Rolle. Die Türkei schickt 90 Elite-Soldaten an Amerikas Seite in den Kampf. Bedeutender als ihr militärischer Wert ist das politische Signal an die islamischen Länder: Moslemische Soldaten können sehr wohl gegen radikal-islamische Kräfte zu Felde ziehen. Die Taliban zeigen mit ihren Drohungen, wie gefährlich diese Wendung für ihre Propaganda ist. Eine ähnliche Rolle spielten die arabischen Soldaten im Golf-Krieg gegen Saddam Hussein vor zehn Jahren.

Auch damals gab es die Diskussion, ob man im Ramadan, dem heiligsten Monat des Islam, Krieg führen dürfe. Der Koran kennt kein eindeutiges Kampfverbot im Ramadan. Die Taliban haben im Bürgerkrieg gegen ihre Glaubensbrüder in der Nordallianz keine Rücksicht auf die religiösen Festtage genommen. Wer glaubt ernsthaft, dass sie jetzt fasten statt kämpfen wollen? Das verlangen sie nur von ihren Gegnern.

Eine ähnliche Propagandaschlacht versuchen die Taliban um die moslemischen Verbündeten der USA zu führen. In Afghanistan haben sie unzählige Moslems in den jüngsten Jahren getötet, aber nun appellieren sie an die Türkei: Moslems sollten keine Moslems töten! Wer sich den Amerikanern anschließe, mache sich leider damit zum Feind der Taliban. Das zeigt vor allem, dass die Taliban den hohen religiös-moralischen Symbolwert der türkischen Beteiligung am Feldzug erkannt haben.

Eine Feuerpause im Ramadan würde den Taliban nur Gelegenheit geben, ihre Kampfverbände neu zu gruppieren, ihre Abwehrstellungen besser zu sichern und sich Nachschub zu verschaffen - also den militärischen Druck zunichte machen, den die Anti-Terror-Allianz aufgebaut hat. Dagegen würde sie keine islamische Gruppierung im Nahen Osten oder in Asien, die den Krieg in Afghanistan für einen Kampf der Religionen und den Westen für den Aggressor hält, von der Ehrbarkeit der westlichen Motive überzeugt. Im Gegenteil: Demagogen würden die nur vorübergehende Zurückhaltung der amerikanischen Bomber als zynisches Spiel des Westens mit den islamischen Glaubensregeln darstellen.

Man kann geteilter Meinung sein, ob der Krieg mit den richtigen Mitteln geführt wird oder nicht. Aber auch wer die Kämpfe möglichst schnell beendet sehen will, der muss Ecevit Recht geben: Eine Feuerpause zum Ramadan würde den Krieg nur verlängern.

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