Meinung : Kleinmut kommt vor dem Fall

Franz Maget hatte in Bayern keine Chance – auch Schröder hat ihm keine gegeben

Stephan-Andreas Casdorff

Wenn seine Frau Doris nicht aus Tagmersheim im bayerischen Schwaben käme, dann wüsste Gerhard Schröder vermutlich gar nicht, wo Bayern überhaupt liegt. Selten hat der Vorsitzende einer Volkspartei sein Desinteresse an einem Landesverband so deutlich gezeigt wie er. Die wenigen Male, die er im bayerischen Wahlkampf aufgetreten ist, waren bemerkenswert vor allem dadurch, dass ihm der Spitzenkandidat herzlich egal war. Das Ergebnis wohl auch, weil sich an der Machtverteilung im Bund vorerst nichts ändert. Und das ist, was Schröder einzig interessiert.

Der Spitzenkandidat – Franz wer? Franz Maget! Kein Magnet, nicht einmal in Bayern ist er weithin bekannt. Ein freundlicher Mann, einer, der denken kann; nur Kampagne kann er nicht. Maget musste sich sogar professionellen Rat holen, wie man aggressiver werden kann. Aber der Helfer hat es auch nicht vermocht, aus einem Wahlredner mit dem Schuss bayerischer Selbstironie, der außerhalb Bayerns besonders gut ankommt, einen Wahlkämpfer zu machen, einen Wadlbeißer. Das ist er nicht, das wird er nie. Politik ist für Maget nicht die Kunst des Vereinfachens, und das macht es kompliziert, jedenfalls vor großem Publikum. Recht hat er wohl, nur hören will das kaum einer. Schon die Vorhersagen waren entsprechend niederschmetternd, das Ergebnis ist es erst recht. Denn verloren hat die SPD überall, ob bei Arbeitnehmern oder Arbeitslosen, Jungen, Alten, Frauen, Männern.

Was die Leut’ nicht hören wollten, ist das, was ihnen unlängst der vormalige CSU-Vorsitzende Theo Waigel gesagt hat: dass nämlich erst die kommende Legislaturperiode in Bayern die Stunde der Wahrheit ist. Dann wird das Tafelsilber verhökert sein. Sprich: die Privatisierung der Landesanteile an Unternehmungen wird beendet, und der Staatsminister für Finanzen hat keine Milliarden mehr zur Wirtschaftsförderung. Dann muss er rechnen und darben wie alle anderen Länderkollegen auch. Bisher war es so, dass noch jeder CSU-Fürst im reichen Bayernland herrschen konnte, ohne an die Grenzen zu stoßen. Das kann in den nächsten Jahren anders werden.

Wie sagt Hans-Jochen Vogel, der beliebteste Oberbürgermeister, den München und die SPD je hatten? „Die CSU hat auch keinen ewigen Pakt mit Bayern.“ Aber er wird ewig verlängert. Obwohl der Musterknabe – gemeint ist hier das Land, nicht Stoiber – in den letzten beiden Jahren härter hat arbeiten müssen, als dem Image gut tut. Wer nimmt das schon zur Kenntnis: Die Arbeitslosigkeit ist stetig gestiegen, zuletzt wieder im August über Bundesdurchschnitt; in manchen Landstrichen jammern die Menschen, aber nicht auf hohem Niveau, wie die CSU glauben macht. Bei genauem Hinsehen ist der Mythos wirklich einer; genauso wie der, dass die CSU das schöne Bayern erfunden hat oder älter ist als die SPD.

Und doch konnte sich Edmund Stoiber in jeder Phase des Wahlkampfs sicher fühlen. Denn die Bayern-SPD – seit mehr als vier Jahrzehnten Opposition und in diesem Punkt einsam an der Spitze in Europa – lässt sich noch immer etwas einfallen, um weiter zurückzufallen. Die Agenda 2010 des Bundeskanzlers zu zerreden, war so eine Idee; die Wahlkampfführung mit amateurhaften Fehlern kam verschlimmernd hinzu. Die „Tour des Franz“, eine Radtour mit Maget – nach ein paar Kilometern abgebrochen von der Polizei, weil Ordner fehlten! Kein Wunder, dass CSU-Generalsekretär Thomas Goppel aber auch gar nichts einfällt auf die Frage, was die SPD richtig mache.

Hier sind wir bei Schröders Verantwortung angelangt. Die Bayern-SPD hat (bei allen Fehlern, strategischen Eigenbröteleien, taktischen Eseleien) mehr Einsatz von Bundesseite nötig. In der Depression ist sie nun gefangen, allein gelassen, obwohl dem Machtmenschen Schröder klar sein müsste, dass Bayern nicht bloß schön, sondern für ihn zentral wichtig ist. Das wichtigste Land nach Nordrhein-Westfalen – da zählt jedes Prozentpünktchen Zugewinn doppelt. Und jeder Verlust auch. Bayern wird, von der Bevölkerung her gesehen, durch Zuwanderung sogar noch wichtiger. Und bei den Neu-Bayern, den Zuagroast’n, müsste doch in den kommenden Jahren ein bisschen mehr zu bewegen sein; nicht jeder erwirbt mit dem Janker gleich die CSU-Mitgliedskarte. Stoibers gutes Ergebnis in der letzten Bundestagswahl war vor allem eines in Bayern; Schröders nächstes kann eines sein, das von den Bayern bestimmt wird. Zu denen, nicht zu vergessen, auch Frau Doris gehört.

0 Kommentare

Neuester Kommentar