Klima, Darfur : Aus Darfur lernen

Dürre und Gewalt: Warum der Kampf gegen den Klimawandel und der Kampf für die Menschen im Sudan zusammenhängen. Der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärt exklusiv im Tagesspiegel, was für Darfur getan werden muss.

Ban Ki Moon

Vor etwas mehr als einer Woche trafen die Führer der Industrienationen in Heiligendamm zusammen. Ihr bescheidenes Ziel: einen Durchbruch beim Klimawandel zu erzielen. Dies ist uns auch gelungen – mit einer Vereinbarung, die Treibhausgase bis zum Jahr 2050 um 50 Prozent zu senken. Besonders freut mich dabei, dass die Verhandlungen über das dazu nötige Vorgehen im Rahmen der UN stattfinden werden, wodurch besser gewährleistet wird, dass unsere Anstrengungen einander verstärken.

In dieser Woche hat sich der Brennpunkt des Weltgeschehens wieder verlagert. Dank resoluter, aber geduldiger Diplomatie konnte ein weiterer Erfolg errungen werden, der zwar noch bescheiden ist, aber in humanitärer Hinsicht großes Potenzial in sich birgt. Es handelt sich um den vom sudanesischen Präsidenten Omar al Baschir akzeptierten Plan, endlich eine gemeinsame Friedenssicherungstruppe der UN und der Afrikanischen Union nach Darfur zu entsenden. Auch diese Vereinbarung ist für mich persönlich erfreulich. Ich habe Darfur zu einer meiner obersten Prioritäten gemacht und beträchtliche Anstrengungen unternommen, oft fernab der Öffentlichkeit, um dieses Ziel in zahllosen kleinen Schritten zu erreichen.

Natürlich bestehen noch einige Ungewissheiten. Die Abmachung könnte scheitern, wie andere davor. Es könnte mehrere Monate dauern, bis die ersten neuen Soldaten eintreffen, und noch länger, bevor das gesamte Kontingent von 23.000 Soldaten vor Ort ist. In der Zwischenzeit werden die Kämpfe wahrscheinlich weitergehen, trotz der vielfachen Aufrufe zu einer Waffenruhe. Dennoch: In einem Konflikt, der bislang – während vier Jahren diplomatischer Untätigkeit – mehr als 200.000 Menschenleben gefordert hat, stellt dies einen bedeutenden Fortschritt dar.

Fast ausnahmslos bringen wir Darfur auf eine einfache militärische und politische Formel – ein ethnischer Konflikt, in dem arabische Milizen gegen schwarze Rebellen und Bauern kämpfen. Untersucht man jedoch seine Wurzeln, so findet man eine komplexere Dynamik. Neben den zahlreichen und vielfältigen sozialen und politischen Ursachen des Konflikts in Darfur verdient es festgehalten zu werden, dass er als eine ökologische Krise begann, die zumindest teilweise auf den Klimawandel zurückzuführen ist.

Vor zwei Jahrzehnten begannen die Regenfälle im südlichen Sudan auszubleiben. Nach statistischen Angaben der UN sind die durchschnittlichen Niederschläge in dem Gebiet seit Anfang der 1980er Jahre um etwa 40 Prozent gesunken. Die Wissenschaftler hielten dies zunächst für eine unglückliche Laune der Natur. Anschließende Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass der Rückgang mit einem Anstieg der Wassertemperaturen im Indischen Ozean einherging, der zu Störungen des jahreszeitlichen Monsunrhythmus führte. Dies lässt darauf schließen, dass die Austrocknung in Afrika südlich der Sahara bis zu einem gewissen Grad von der vom Menschen verursachten Erderwärmung herrührt.

Es ist kein Zufall, dass die Gewalt in Darfur inmitten der Dürre ausbrach. Bis dahin hatten die arabischen Wanderhirten mit den sesshaften Bauern friedlich zusammengelebt. In einem kürzlich in der Zeitschrift „The Atlantic Monthly“ erschienenen Artikel beschreibt Stephan Faris, wie die schwarzen Bauern die Hirten einst willkommen hießen, wenn sie kreuz und quer durch das Land zogen, ihre Kamele weideten und gemeinsam die Brunnen benutzten. Doch als kein Regen mehr fiel, zäunten die Bauern ihr Land ein, weil sie befürchteten, die vorbeiziehenden Herden würden den Boden schädigen. Zum ersten Mal seit Menschengedenken gab es nicht mehr ausreichend Nahrung und Wasser für alle. Kämpfe brachen aus. Im Jahr 2003 hatten sich diese zu der Tragödie entwickelt, deren Zeugen wir heute sind. Es ist wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, wie alles begann, denn darin liegt der Schlüssel für die Zukunft.

Eine UN-Friedenssicherungstruppe wird helfen, die Gewalt zu mindern und für einen ungebrochenen Fluss an humanitärer Hilfe zu sorgen, und dadurch viele Menschenleben retten. Dies ist jedoch nur der erste Schritt. Jeder Friede in Darfur muss auf Lösungen aufgebaut werden, die die tieferen Wurzeln des Konflikts angehen. Wir können hoffen, dass mehr als zwei Millionen Flüchtlinge wieder zurückkehren. Wir können Dörfer schützen und beim Wiederaufbau der Heimstätten helfen. Wie aber bewältigen wir das grundlegende Dilemma – die Tatsache, dass es nicht mehr genug brauchbares Land für alle gibt?

Es bedarf einer politischen Lösung. Mein Sondergesandter für Darfur, Jan Eliasson, und sein Kollege in der Afrikanischen Union, Salim Ahmed Salim, haben einen Etappenplan ausgearbeitet, der zunächst mit einem politischen Dialog zwischen den Rebellenführern und der Regierung beginnt und schließlich in förmlichen Friedensverhandlungen und dem Ende der Spaltung zwischen dem Norden und Süden des Landes mündet. Die ersten Schritte dieses Prozesses könnten Anfang dieses Sommers unternommen werden.

Eine echte Lösung für die Probleme Darfurs verlangt jedoch mehr, nämlich eine dauerhafte wirtschaftliche Entwicklung. Wie diese konkret aussehen könnte, ist noch unklar. Wir müssen uns aber schon jetzt darüber Gedanken machen. Neue Techniken können einen Beitrag leisten, beispielsweise der Anbau genetisch veränderter Getreidearten, die auf trockenem Boden gedeihen, oder neue Bewässerungs- und Wasserspeicherungsmethoden. Es müssen Finanzmittel für neue Straßen und Kommunikationsinfrastrukturen aufgebracht werden, ganz zu schweigen von Gesundheits-, Bildungs-, Sanitärversorgungs- und sozialen Wiederaufbauprogrammen. Die internationale Gemeinschaft muss helfen, diese Bemühungen zu organisieren, und dabei mit der Regierung des Sudan und den zahllosen internationalen Hilfsorganisationen und NGOs, die so heroisch vor Ort tätig sind, zusammenarbeiten.

Was dabei auf dem Spiel steht, geht weit über Darfur hinaus. Der an der Columbia University tätige Ökonom Jeffrey Sachs stellte fest, dass die Gewalt in Somalia aus einer ähnlich brisanten Gemengelage von Ernährungsunsicherheit und prekärer Wasserversorgung herrührt. Das Gleiche gilt für die Unruhen in Elfenbeinküste und Burkina Faso. Derartige Probleme werden in vielen anderen Teilen der Welt entstehen, und die Lösungen, die wir in Darfur finden, werden dabei von Interesse sein. Die Menschen von Darfur haben schon zu viel und zu lange gelitten.

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