Klimaanlagen-Ausfälle : Bahnfahren macht groggy

Die Bahn will so erfolgreich werden wie Apple oder Google, versetzt aber gleichzeitig ihre Kunden in Wut. Wenn man Alkohol mit dem Bahnfahren vergleicht, fällt auf, dass man für die Gesundheitsgefahren beim Trinken wenigstens durch Euphorie entschädigt wird.

Unser Autor Harald Martenstein.
Unser Autor Harald Martenstein.Foto: ddp

Seit vielen Jahren verfolgt die Bahn mitsamt ihren Chefs den Plan, an die Börse zu gehen und damit ein echtes, erfolgreiches Privatunternehmen zu werden, so etwas wie Apple, wie Google oder wie VW. Dem liegt allerdings ein Missverständnis über das Wesen erfolgreicher Privatunternehmen zugrunde.

Noch niemals in der Geschichte der Marktwirtschaft ist es einem Unternehmen auf einem freien Markt gelungen, gleichzeitig einen großen Teil seiner Kunden in Wut zu versetzen und ökonomisch erfolgreich zu sein. Falls die Suchmaschine Google bei Hitze keine Ergebnisse ausspucken oder wenn ein Volkswagen häufig nur mit einer Stunde Verspätung anspringen würde, dann wären Google und VW nicht dort, wo sie heute sind. Wenn aber zahlreiche Benutzer eines Produktes nach dessen Benutzung ärztlich behandelt werden müssen, dann sinkt fast immer die Marktakzeptanz dieses Produktes. Das ist ein ökonomisches Gesetz.

Bei dem Produkt „Alkohol“, das man in seiner gesundheitsgefährdenden Wirkung mit der Bahn vergleichen könnte, entgeht der Kunde den meisten Gefahren durch maßvollen Gebrauch, während auch der maßvolle Aufenthalt in einem 50 Grad heißen Bahnabteil, so weit bekannt, keinen echten Schutz vor Kreislaufzusammenbrüchen bietet. Außerdem entschädigt das Produkt „Alkohol“ seine Kunden mit Euphoriezuständen für ihre Gesundheitsbeeinträchtigung. Hier hat die Bahn einen echten Wettbewerbsnachteil. Wenn Hitze und Verspätungen so euphorisch machen könnten wie Steinhäger, dann wäre der Börsengang schon im nächsten Jahr möglich. Der einzige legale Unternehmenstyp, außer der Bahn, der Leute groggy macht und dabei trotzdem sehr ansehnliche Renditen erzielt, sind übrigens Box-Ställe.

Die Bahn hat erklärt, dass Kunden, die wegen Hitze zusammengebrochen sind, einen Reisegutschein bekommen, falls sie ärztlich behandelt werden mussten. Auch da hoffe ich, dass diese Praxis nicht in der übrigen Wirtschaft Schule macht. Wenn ich einen neuen VW habe und der VW explodiert an der Ampel, dann muss ich wahrscheinlich kein Attest über Brandverletzungen vorlegen, sie geben mir trotzdem ein neues Auto.

Dass die Bahn trotz alledem Gewinne macht, hängt damit zusammen, dass sie eben gerade kein echtes Privatunternehmen ist, sondern auf den meisten Strecken immer noch ein Monopolbetrieb. Sobald es drei oder vier Unternehmen gibt, die überall um Kunden konkurrieren, werden Betriebe, die sich so verhalten wie die Deutsche Bahn, schnell pleite sein, während die anderen vermutlich an die Börse gehen. Falls aber umgekehrt auf 95 Prozent aller Suchanfragen nur Google und niemand sonst eine Antwort geben dürfte, dann würde jede Suchanfrage erst nach einer Stunde beantwortet werden, und das auch nur bei gutem Wetter.

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