Klimagipfel : Wandeln durch Handeln

Kopenhagen ist so ziemlich die letzte Chance, noch eine Lösung für das Klimaproblem auszuhandeln. Denn wenn es nicht gelingt, den Höchststand der Treibhausgasemissionen 2015 zu erreichen, wird es spätestens nach 2020 nahezu unmöglich, den Trend noch umzukehren.

Dagmar Dehmer

Diese Bank ist größer als die Hypo Real Estate, größer als der amerikanische Versicherungskonzern AIG. Beide Finanzinstitutionen sind im vergangenen Jahr von der deutschen beziehungsweise der amerikanischen Regierung gerettet worden, weil sie als „systemisch“ für die jeweiligen Ökonomien eingeschätzt wurden. Von diesem Montag an geht es beim Weltklimagipfel in Kopenhagen um die Basisbank, aus der sich alle Wirtschaften der Welt bisher weitgehend kostenlos bedienen: das Weltklimasystem als Fundament für sämtliche Naturdienstleistungen von der Wasserversorgung bis zur Bereitstellung von Nahrung, Energie oder Metallen. Die Folgen eines Zusammenbruchs dieser Bank wären unabsehbar. Es steht also viel auf dem Spiel in Kopenhagen.

Doch obwohl es für kleine Inselstaaten schlicht ums Überleben geht, und obwohl bis 2050 mit bis zu 200 Millionen Klimaflüchtlingen gerechnet werden muss, wenn die globale Erwärmung nicht aufgehalten werden kann, sind die Verhandlungen darüber eigenartig unernst. Zwar argumentieren beispielsweise die Verhandler aus China, dass ein Abschmelzen der Gletscher im Himalaya-Gebirge die Trinkwasserversorgung einer Vielzahl von Millionenstädten in Asien gefährdet. Dennoch will China als seit 2007 größter Emittent von Treibhausgasen lediglich die Kohlenstoffintensität seiner Wirtschaft bis 2020 um 40 bis 45 Prozent im Vergleich zu 2005 senken, also das Wachstum seines Treibhausgasausstoßes verlangsamen, nicht begrenzen. Zwar hat das amerikanische Militär noch in der Regierungszeit des früheren Präsidenten George W. Bush vor den Sicherheitsrisiken eines ungebremsten Klimawandels gewarnt: scheiternde Staaten, Ressourcenkonflikte, Massenflucht. Dennoch schafft es auch die neue amerikanische Regierung unter Barack Obama nicht, der Welt mehr anzubieten als eine Treibhausgasreduktion von etwa vier Prozent bis 2020 im Vergleich zu 1990. Ein Amerikaner verursacht derzeit rund 20 Tonnen Kohlendioxid im Jahr, ein Chinese knapp vier Tonnen. Und die Europäische Union ist so sehr damit beschäftigt, ihre letzte Karte im Spiel – das Geld – geheim zu halten, dass ihr unterdessen ihre Verbündeten in Entwicklungsländern in Scharen von der Fahne gehen.

Wenn die Weltregierungen so über die Folgen der Finanzkrise verhandelt hätten, wären sie vermutlich reihenweise gestürzt worden. Doch bei der ungleich folgenreicheren Verhandlungsrunde über das Weltklima meinen viele Regierungsvertreter offenbar immer noch, sie würden ungeschoren davonkommen, wenn sie nur den kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteil im Auge behalten und keinen Gedanken an ihre Kinder und Enkel verschwenden. Dabei hat die Klimadebatte schon Wahlen entschieden, wie beispielsweise in Australien 2007.

Kopenhagen ist so ziemlich die letzte Chance, noch eine Lösung für das Klimaproblem auszuhandeln. Denn wenn es nicht gelingt, den Höchststand der Treibhausgasemissionen 2015 zu erreichen, wird es spätestens nach 2020 nahezu unmöglich, den Trend noch umzukehren. Das Klimasystem ist langsam, es kann nicht wie ein Auto in einer steilen Kurve herumgerissen werden. Es ist eher ein Tanker, der für eine Wende mehrere Kilometer braucht. Deshalb müssen die Industrieländer in Kopenhagen den überfälligen Weg in eine nahezu kohlenstofffreie Wirtschaft antreten. Die Schwellenländer müssen ihr Wendemanöver starten. Sonst wird es schlicht zu heiß.

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