Meinung : Klimaschutz ohne USA: Berlin - Texas: Die Distanz wächst

Ein stolzer Kanzler traf einen stolzen Präsidenten. Der eine trat als Repräsentant des wichtigsten Landes in Europa auf, der andere als Repräsentant des wichtigsten Landes der Welt. Von Selbstzweifeln war keiner von beiden geplagt. Der Deutsche verzichtete auf Demutsgesten. Der Amerikaner wiederum gefiel sich darin, seinem Gast eine Lektion zum Thema Macht zu erteilen. Nur ein bisschen Macht zu haben, signalisierte George W. Bush aufreizend drastisch in Richtung Schröder, ist etwas anderes, als die volle Macht zu besitzen. Er hätte auch sagen können: Wir Amerikaner tun, was wir wollen, und wenn ihr Deutschen euch damit abfindet, werden wir prächtig miteinander auskommen.

Wenn die neue US-Administration beispielsweise einen Raketenschild gegen Nuklearwaffen aufbauen will, kann Berlin das nicht verhindern. Wenn die neue US-Administration auf das Kyoto-Abkommen zum Klimaschutz mit texanischen Cowboystiefeln tritt, kann Schröder seine Besorgnis zum Ausdruck bringen, mehr nicht. Schröder versteht etwas von Macht. Darum fügte er sich, zähneknirschend. Es sei unumgänglich, sagte er in Washington, jetzt ohne die Einbeziehung der USA die Vereinbarungen von Kyoto umzusetzen.

Diese Aussage war symptomatisch. Ein schneidend klarer Ton bestimmte die Atmosphäre. Das wirkte zunächst ungewohnt, weil das transatlantische Verhältnis auf offizieller Ebene von Pathos ja nie ganz frei war. Bush und Schröder waren ehrlich zueinander. Nun wissen beide, mit wem sie es zu tun haben. Außerdem verlief ihr Streit über den Klimaschutz für viele Beobachter so faszinierend, dass kaum Platz blieb für gefälliges Zur-Kenntnis-Nehmen von Gemeinsamkeiten. Die Auseinandersetzungen über die Europäische Verteidigungspolitik dürften endgültig beigelegt worden sein. Die USA engagieren sich weiter auf dem Balkan. In der Frage der Zwangsarbeiter-Entschädigung darf sich Schröder von Bush unterstützt fühlen. Auch Positives gibt es also zu vermelden.

Dennoch sind die Ergebnisse des Treffens zweitrangig. Im Vordergrund steht die Erkenntnis, dass die transatlantischen Beziehungen in eine neue Epoche eingetreten sind. Das Schröder-Deutschland gibt sich realistisch, pragmatisch und selbstbewusst. Die Vergangenheit ist vergangen. Etwaige Dankbarkeitsgefühle für Marschall-Plan und Wiedervereinigung sind schwächer geworden. Das Bemühen, sich mit eigener Stimme Gehör zu verschaffen, ist deutlich: Sollen die Briten mit den Amerikanern durch dick und dünn gehen, die Franzosen gelegentlich gereizt auf die Amis reagieren, unser Zauberwort heißt Offenheit.

Eine Metapher dominierte deshalb die Schrödersche Rhetorik. Es ist die von der Freundschaft / Verbundenheit, die so tief / fest ist, dass sie Unterschiede / Kritik verträgt. Das so zu betonen, verrät aber auch Unsicherheit: Irgendwie spürt der Repräsentant der Berliner Republik, dass diese weltweit an Einfluss gewinnt - geliebt werden will sie freilich immer noch wie zu Bonner Zeiten.

Von der Sorge, nicht geliebt zu werden, ist die neue US-Regierung völlig frei. Das Ausland ist ihr egal. Ohne, dass er es selbst so empfinden würde, macht Bush eine anti-europäische Politik. Er betreibt die Ent-Europäisierung Amerikas. Denn ein großer Teil der eigenen Bevölkerung ist ihm ebenfalls egal. Ob beim Klimaschutz oder der Todesstrafe: All jene Sensibilitäten, die aus Europa in die Staaten gedrungen waren und sich während der Clinton-Jahre langsam ausbreiteten, haben unter Bush keine Chance mehr. Inzwischen sind fast alle Posten in der Regierung neu besetzt. Bushs Team ist so konservativ, wie es nicht einmal das von Ronald Reagan war.

Zum Thema Rückblick: Der gescheiterte Klimagipfel in Den Haag Verhindern wird Bush die Europäisierung Amerikas trotzdem nicht. Der Widerstand gegen seine Politik wächst. Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen machen mobil. Öko-Supermärkte sprießen aus dem Boden. Das Oberste Gericht wird sich demnächst mit der Todesstrafe für geistig Behinderte befassen. Viele Zeichen deuten darauf hin, dass die Kluft zwischen Volk und Regierung täglich größer wird. Immerhin darauf kann Europa bauen. Mit der amerikanischen Regierung werden die Konflikte zunehmen. Doch die Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks werden sich immer ähnlicher.

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