Meinung : Klimaschutzbericht: Die Erde hat Fieber

Es ist wärmer geworden auf Erden. Hierzulande ist das manch einem ganz angenehm. Doch die richtige Hitze steht uns erst noch ins Haus. Um bis zu sechs Grad könnte sich die Erde dem jüngsten UN-Klimabericht zufolge in den kommenden hundert Jahren erwärmen, wenn wir weiterhin so viel Kohlendioxid in die Luft blasen wie bisher. Und damit würden nach und nach auch in Europa tropische Temperaturen einziehen. Der Meeresspiegel könnte so weit ansteigen, dass im Pazifik ganze Inselgruppen untergehen.

Ähnliche Prognosen haben wir schon vor zehn Jahren gehört. Doch wendeten sich die düsteren Vorahnungen der Forscher bald darauf wieder zum Besseren. Wie ernst müssen wir diese neue Warnung nehmen?

Das Klima ist in der Vergangenheit derart launisch gewesen, dass eine sichere Einschätzung schwer fällt. Ganz anders etwa als bei der Ozonproblematik. Hier hat sich die Menschheit innerhalb nur eines Jahres zum gemeinsamen Handeln durchringen können. Denn der wissenschaftliche Befund war Mitte der 80er Jahre klar: Einige Substanzen wie FCKW, die bis dato in Kühlschränken zum Einsatz kamen, zerstörten über einen soeben entdeckten Prozess die Ozonschicht in der Atmosphäre, die Menschen, Tiere und Pflanzen vor der ultravioletten Strahlung der Sonne schützt. Wäre es 1987 nicht zum Montreal-Abkommen zum Schutz der Ozonschicht gekommen, hätte die Menschheit unter anderem eine erhöhte Zahl von Hautkrebserkrankungen hingenommen.

Beim Klima gab es unter den Forschern zunächst keine solche Einigkeit. Weder über die Ursachen, noch über die Folgen. Noch in Kyoto 1997 jonglierten sie so widersprüchlich mit ihren Temperaturdaten, dass die Zeit für politisches Handeln alles andere als reif zu sein schien. Niemand konnte guten Gewissens sagen, ob sich die Aufforstung der Wälder als segensreich für das Weltklima erweisen könnte, oder ob industrielle Schwefelabgase einen kühlenden Beitrag leisten würden. Kyoto, ein Zahlenspiel.

Inzwischen sind wir weitergekommen. Klimaforscher schauen mit neuen Satelliten auf den Erdkörper hinab, um seine Fieberkurve zu messen. Von dieser kosmischen Warte aus können sie das Zusammenspiel von Ozeanen und Atmosphäre, Pflanzenwelt und Eisregionen besser verstehen. Nicht so gut, dass sie die Unwägbarkeiten völlig hätten ausräumen können. Aber es herrscht nun immerhin Einigkeit darüber, was wir wissen und was wir noch nicht wissen.

Das ist auch aus dem neuen Bericht der Vereinten Nationen abzulesen: Die Erde könnte sich nach heutigem Erkenntnisstand um sechs Grad erwärmen. Die Temperaturen könnten im 21. Jahrhundert aber auch "nur" um anderthalb Grad steigen. Eine weite Spanne, die die Unsicherheit der Forschung klar zum Ausdruck bringt.

Doch ebenso unüberhörbar ist die zentrale Botschaft: Die Erde wird sich erwärmen. Und jedenfalls stärker, als wir es in diesem Jahrzehnt in einer Abfolge milder Winter und heißer Sommer bei uns bereits zu spüren bekommen haben. Wassermangel, Dürren, Überschwemmungen werden die Menschen vor allem in den heute ärmsten Teilen der Welt daher noch weiter ins Elend stürzen.

Trotz solcher Einsichten ist die Weltklimakonferenz in Den Haag Ende vergangenen Jahres gescheitert. Denn die zu ergreifenden Maßnahmen, eine drastische Reduzierung der Kohlendioxidabgase, träfen - anders als beim Ozon - die gesamte Industrie. Und die Bevölkerung. Deshalb geht bei Politikern die Angst vor unpopulären Entscheidungen um: Eine langsame Energieverteuerung, etwa in Form einer Benzinpreiserhöhung, fällt ebenso darunter wie ein beherzter Einstieg in die Wind- oder Solarenergie.

Doch wer behauptet, derlei käme uns teuer zu stehen, denkt zu kurz. Denn eine kalkulierbare Energieverteuerung wird die Nachfrage nach effizienteren Techniken etwa beim Auto- oder Häuserbau stark erhöhen. Die Zeit ist reif für eine Klimawende. Mit einer breiten Förderung von Energieeinspartechniken könnte sich Deutschland jetzt Wettbewerbsvorteile verschaffen. Auch dann, wenn die Energie künftig aus dem sonnenbeschienenen Afrika als Wasserstoff zu uns kommen sollte. Eine gar nicht so abwegige Vision.

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