Meinung : Klimmt-Rücktritt: Leiden - aus Mangel an Distanz

Tissy Bruns

Schwer genug zu begreifen, dass im Chaos enden kann, wer Regieren für Spaß hält. Längst winkt der Kanzler ab, wenn man ihn nach dem Spaßfaktor in der Politik fragt. Dass Regieren schwer ist, hat Schröders Koalition an ihren Fehlern gelernt. Das erste Jahr hat ihr den Übermut ausgetrieben. Regieren verlangt Handwerk, Disziplin, Selbstbeherrschung. Und manchmal mehr.

Nun hat der Fall Klimmt den Kanzler das Fürchten gelehrt. Jeder, der sich auf Schröders Höhen bewegt, weiß: Wer Macht hat, kann in Situationen geraten, wo er abwägen und entscheiden muss zwischen politischen und persönlichen Loyalitäten. Doch es ist etwas anderes, diesen Konflikt tatsächlich zu erleben und durchstehen zu müssen.

Schröder hat seinen Minister mindestens einen Tag lang in ein Fegefeuer gestellt, das er ihm hätte ersparen können, wenn er früher beherzt gesagt hätte: Reinhardt, du musst gehen. Zuerst wurde Klimmt gedeckt, dann zu einem Kampf um seine Unschuld aufgefordert, den in Wahrheit niemand führen wollte, schließlich durch öffentlichen Druck zermürbt. Das politische Spitzenpersonal bekannte sich zu falschen Ratschlägen und wusch die Hände in Unschuld.

Ausgangspunkt dafür war die grandiose Fehleinschätzung, man könne Klimmts Verstrickung in Scheinverträge politisch aussitzen. Wo aber liegen die Wurzeln für diese falsche Lagebeurteilung? Sicher auch in taktischen Erwägungen. Zum Beispiel der, dass Rücktritt oder Entlassung die unerwünschte Nebenwirkung weiterer Kabinettsumbildungen hätte haben können. Vor allem aber hat der falsche Rat mit der Kumpel-Wirtschaft in der SPD zu tun, die beim unterschiedslosen Du beginnt und leicht im Genossen-Filz enden kann. Darin unterscheidet sich Schröders SPD-Generation nur wenig von den Altvorderen. Man kennt sich lange. Man hat Kämpfe und Kämpfchen ausgefochten, manchmal aus purer Lust an Muskelspiel und Macher-Attitüden. Doch man mag sich. Man mag zumal den guten Kerl Klimmt, der vielleicht etwas falsch gemacht hat. Eine bedenkliche unter den vielen, vielen Unterschriften, die Minister, Fraktionschefs und Vereins-Präsidenten täglich unter Briefe, Verträge und sonstige Schriftstücke setzen. Das müsste doch durchzustehen sein. Man steckt sich gegenseitig an in der Hoffnung, dass der sympathische Klimmt doch eine Chance haben müsste.

Klimmt, den Freund des einstigen Teil-Verbündeten und Dauer-Rivalen Lafontaine, hat Schröder zudem aus ganz sachfremden und äußerst machtnahen Erwägungen ins Kabinett geholt: Diese Personal-Entscheidung galt ausschließlich der im Herbst 99 noch ziemlich unruhigen SPD. Klimmt hat sich vom Kanzler einbinden lassen, das wiederum hat Schröder gebunden. Nach dem Rücktritt stand dem Kanzler ins Gesicht geschrieben, dass ihm die Sache schwer gefallen ist. Nicht unsympathisch. Aber besser wird sie dadurch nicht. Zum ersten Mal sind die Hände schmutzig geworden - aus Mangel an Distanz unter den mächtigen Machern.

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