Meinung : Klonen wegtherapiert

Die Parlamentarier holen das Thema Gentechnik zurück in den Bundestag

Markus Feldenkirchen

Es wehte wieder ein Hauch von Harmonie durch den Bundestag. Von gegenseitigem Respekt war die Rede, von fairem Umgang und viel von Menschenwürde. Die Biopolitiker waren am Donnerstag mal wieder unter sich. Aber anders als vor einem Jahr, als man nach einem Kompromiss für die Stammzellenforschung suchte, war diese Debatte keine Sternstunde. Es mag am Ausscheiden von Persönlichkeiten wie Margot von Renesse oder Andrea Fischer gelegen haben, die eine biopolitische Lücke im Parlament hinterlassen. Oder daran, dass man noch gar nicht weiß, über was man in dieser Legislatur diskutieren soll. So war dieser Donnerstag zwar ein Aufbruch. Aber ins Ungewisse.

Immerhin haben die Abgeordneten starke Entscheidungen getroffen, die vor allem für eines stehen: die Rückermächtigung des Parlaments. Der Beschluss, eine zweite Enquetekommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ einzuführen, ist ein Signal. Die Abgeordneten haben klar gemacht, dass in den heiklen Fragen der Biopolitik nur sie den Kurs bestimmen – nicht der Nationale Ethikrat des Kanzlers, dem schon die demokratische Legitimation fehlt, schon gar nicht einzelne Regierungsmitglieder.

Auch die zweite Entscheidung des Tages zeugt von der Potenz der Parlamentarier. Sie haben die Regierung zu einem Kurswechsel bei den internationalen Verhandlungen über ein Klonverbot gezwungen. Nun sollen sämtliche Formen des Menschen-Kopierens auf einen Schlag, also in nur einer UN-Konvention, verboten werden. Nicht mehr in einer Etappenfahrt, bei der zunächst nur das reproduktive Klonen geächtet und dessen Zwilling, das therapeutische Klonen, erst später. So hatte es die Regierung bislang geplant – muss nun aber dem Parlament gehorchen.

Die Gegner des therapeutischen Klonens haben die Moral und die Wissenschaft auf ihrer Seite. Selbst der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat das Verfahren, bei dem ein gengleicher Embryo getötet wird, um aus dessen Zellen körpereigenes Ersatzgewebe zu schaffen, einen „Irrweg“ genannt. Ganz zu schweigen von der Eizellenfrage: Soll das Klonen wirklich therapeutisch wirken, müssten die Erkrankten ihre Erbinformationen einer entkernten Eizelle einpflanzen, damit das Ersatzgewebe heranwachsen kann. Bislang braucht man im Schnitt 250 Eizellen, damit eine einzige geklonte Stammzellenlinie für einen Patienten heranwachsen kann. Für die fünf Millionen Diabetiker in Deutschland wären das 1,25 Milliarden Eizellen. Wer soll die Spenden? Zudem sind die Vorteile des therapeutischen Klonens gegenüber Behandlungen mit ethisch einwandfreien adulten Stammzellen nicht bewiesen. Es gibt viele Hoffnungen, aber keinen echten Hinweis auf Heilung. Es ist also vertretbar, dem therapeutischen Klonen keine Chance zu geben.

Mit seiner Alles-oder-nichts-Strategie aber hat das Parlament zugleich das Dilemma offen gelegt, das die Gemeinde der Biopolitiker auch künftig immer wieder quälen wird: dass fromme Wünsche in Zeiten globalisierter Werte und Maßstäbe fromme Wünsche bleiben, aber keine Basis für eine realistische Politik bieten. Die nun beschlossene Maximalforderung wird in New York wenig helfen. Zu viele Staaten haben die Schranken für das therapeutische Klonen längst fallen gelassen. Sie zurück ins Boot zu holen, wäre schön, ist aber unrealistisch. Das hat die Regierung schon lange erkannt.

Wie aber kommt es, dass die Forschungsfreunde Schröder und Bulmahn diesen Kurswechsel ohne großes Murren hinnehmen? Die krisengeschüttelte Regierung hat derzeit wohl kein Interesse an neuen Kampffeldern – gerade nicht bei so emotionalen Fragen wie der Biopolitik. Das könnte auch in anderen Fragen den Warnenden unter den Genpolitikern Auftrieb geben. Schon bald sollen die Parlamentarier über die umstrittene Präimplantationsdiagnostik abstimmen. Dann müssen sie zeigen, dass sie mit der wiedergewonnenen Macht klug umgehen können.

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