Meinung : Klüger auf zwei Beinen

Die Hauptschule steckt in der Sackgasse – Berlins Gemeinschaftsschule ist eine Chance

Tissy Bruns

Das Projekt steht auf dem Banner der PDS, und die sieht sich als Sieger. Kommt die Berliner Einheitsschule? Mit 22 Millionen Euro will der rot-rote Senat einige Gemeinschaftsschulen fördern. Sie heißen so, weil erstens die SPD den Begriff, der den Wahlkampf aufgeladen hat, dringend vermeiden musste. Da hatte Klaus Wowereit der Einheitsschule schließlich feierlich abgeschworen. Zweitens aber verdienen die künftigen Modelle den Namen nicht, weil sie tatsächlich keine Einheitsschulen sind. Denn sie koexistieren mit einer gegliederten Schullandschaft einschließlich Gymnasium und basieren strikt auf Freiwilligkeit.

Wer für die Berliner Kinder etwas erreichen will, sollte sich von Kampfbegriffen nicht beeindrucken lassen. Berlin zeigt die neuen sozialen Spaltungslinien des Landes wie in einem Vergrößerungsglas; für die Schulen, also für die tägliche Lebenswirklichkeit unserer Kinder und Jugendlichen, gilt das noch einmal mehr. Sie sind den Schattenseiten der ungelösten sozialen und Migrationsproblemen viel direkter ausgeliefert als die Erwachsenen, übrigens auch an vielen Gymnasien.

Wer kann, ergreift deshalb die Flucht in private Einrichtungen oder in die guten Gymnasien. Oder zieht wegen der Schule in den etwas besseren Stadtteil. Nur zu verständlich. Aber für viele Kinder und Jugendliche, die auf das öffentliche Bildungswesen angewiesen sind, verstärken sich dadurch seine verheerenden Nachteile. Mit ihrer Zukunft gehen wir sträflich um; ihre Not hat inzwischen einen weit über Berlin hinaus bekannten Namen: Rütli. Nicht zufällig ist der Bundespräsident mit seiner Bildungsrede in eine Neuköllner Schule gegangen. Er hat dort die traurige und typische Wahrheit ausgesprochen, dass nur ein einziger Schüler des letzten Abschlussjahrgangs einen Ausbildungsvertrag in der Tasche hatte.

Es bleibt richtig, dass ein neuer Kulturkampf um die Frage der Schulformen sinnlos ist – trotz der möglichen Überlegenheit von Gemeinschaftsschulen, auf die Pisa hinweist. Aber dass die Hauptschule in Städten wie Berlin in eine Sackgasse geraten ist, dass deshalb weit mehr als zehn Prozent der Heranwachsenden ihre Lebenschancen früh verlieren, das dürfen wir nicht hinnehmen.

Ein Weg aus dem Dilemma ist in den neuen Bundesländern längst Praxis. Und zwar gute, Sachsen liegt mit seinen Pisa-Ergebnissen vorn. Zweigliedrig, lautet dort die Devise: Neben dem Gymnasium gibt es nicht mehr das Nebeneinander von Haupt-, Real- und Gesamtschulen, sondern nur eine weitere Schulform. Den Berliner Kindern ist zu wünschen, dass dieser Weg hier schnell eingeschlagen wird.

So gesehen ist das Pilotprojekt Gemeinschaftsschule ein Umweg. Aber wir kennen sie doch, die parteiübergreifende Trägheit der Herzen. Bildungspolitiker sind in Berlin einsame Ritter. Wenn es um die Kinder dieser Stadt geht, stört die Politik sich selten an der riesigen Kluft zwischen Wort und Tat. Die Pilotschulen können eine Schneise in Richtung Zweigliedrigkeit schlagen. Es werden sich Lehrer, Eltern, Schüler finden, die diese Chance beim Schopf ergreifen. Ohne Illusionen und ohne alte Schlachten zu schlagen.

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